Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 103

Essäer Roklus ereifert sich über Stahars geistige Blindheit.

01] (Roklus:) »Erst hier lernte ich wieder einen wahren Gott in einem vollendeten, besten und weisesten Menschen kennen, und Dieser allein ist es und außer Ihm keiner mehr; denn in Ihm allein finde ich alle jene Eigenschaften vereint, die nach dem Urteile der reinen Vernunft ein Gott haben muß, ansonst Er unmöglich ein Gott sein kann. Das erkannte und erkenne ich nun als ein Heide und als ein früherer Atheist lebendigst vollkommen in mir, - und dieser alte, strenge jüdische Gottesdiener mag solches nicht erkennen! Warum aber erkennt er das nicht? Weil er je weder die Wahrheit und noch weniger je den wahren Gott gesucht hat!
02] Ich habe beinahe die halbe Erde bereist, um die Wahrheit und einen möglich wahren Gott zu finden; aber alle meine großen Opfer waren vergebens! Ich gab alles fernere Suchen auf und warf mich der Weltweisheit in die Arme und fand bei meinem heroischen Geiste bald eine Befriedigung darin und so viel des innern, immerhin sehr schätzbaren Lichtes aus den Schriften des Sokrates, Plato und Aristoteles, daß ich daraus wahrzunehmen anfing, daß ein Mensch durch die innere Liebe und Weisheit sich erst ein transzendentales Leben bilden kann, das fürderhin nicht so leicht zerstörbar sein wird wie das Leben des durch und durch morschen Fleisches.
03] Hier aus dem Munde des Herrn alles Lebens vernahm ich dieselbe Lehre, nun mit dem klarsten Lebenslichte durch und durch erleuchtet! Der Herr Selbst also kam mir so lange vergebens Suchendem entgegen und gab mir somit hier in meiner eigentlichen Heimat nächster Nähe alles das, was an so lange vergebens in aller Welt mit vielen Opfern und Mühen gesucht habe.
04] Habe ich aber die ewige und lebendigste Wahrheit so schnell hier finden und als solche erkennen können, warum denn der alte jüdische Gottesdiener nicht? Weil er, wie ich solches nicht nur aus dem Gespräche der beiden miteinander wandelnden Pharisäer, sondern bei tausend andern nur zu klar erfahren habe, keine Wahrheit je wieder für sich und noch um vieles weniger für jemand anders gesucht hat!
05] Er war aus den selbstsüchtigsten und herrschgierigsten Absichten ja stets nur ein größter Feind aller Wahrheit und jeder Aufklärung eines Volkes, kam aber nun auch hierher und befand sich gleich in einem wahren Ozean von Wahrheiten höchster und allertiefster Art. Seine Haut konnte sich unmöglich dagegen sträuben; aber sein nun durch den Weindunst ein wenig aus der alten Lethargie geweckter Geist zeigte uns allen nun klar und deutlich, daß er in sich noch ein ganz eingefleischter Pharisäer ist!
06] Freilich schon ein altkrummgewachsener Baum, der schwerer geradezubiegen ist denn ein junger; aber bei dem wird auch eine langsame und mit aller Vorsicht vorgenommene Geradebeugung etwa wohl eine völlig vergebliche Arbeit sein! Ich will dir, mein lieber Freund Floran, aber damit nicht in Abrede stellen, daß am Ende auch dieser alte Krummstamm ein gerader wird! Aber vom Weine wird er sich festweg enthalten müssen, sonst wird mit der Geradebeugung seines Erzjudenstammes nicht viel Ersprießliches zum Vorscheine kommen!«


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