Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 99

Floran verweist den Pharisäern ihre lieblose Kritik an Jesus.

01] Sagt Roklus: »Das sicher; denn du hast mir alles das ja doch so handgreiflich klar dargestellt, daß ich in meinem ganzen Leben noch nichts Klareres in dieser Hinsicht vernommen habe! Aber nun ärgere ich mich erst noch mehr über jene Pharisäer dort, die wieder ganz zu den alten, gewöhnlichen Pharisäern werden, je öfter sie den Herrn den Becher in die Hand nehmen sehen, und je gemütlicher der Herr Sich mit dem Cyrenius und Kornelius bespricht! Siehst und hörst du nicht, wie diesen schwarzen Kerlen nun schon alles ein Greuel wird, was der Herr nun nur immer tut und spricht?! Haben sie doch solche Zeichen von Ihm gesehen, essen nun an Seinem Tische und loben und preisen Ihn mit der Zunge der Schlangen! - Ja, was sagst denn du dazu?«
02] Sagt Raphael: »Laß du das ganz gut sein; denn glaube du es mir, daß dem Herrn das durchaus nicht entgeht! Er Selbst wird sie zur rechten Zeit schon ganz gehörig zurechtweisen, und eine vom Herrn ausgehende Zurechtweisung sieht immer ganz besonders bitter aus für den, dem sie stets bestverdientermaßen zuteil wird. Siehe, auch der Cyrenius und Kornelius und Julius und Faustus merken das, was du merkst, und ich habe es schon lange gemerkt! Aber des Herrn Wille hat mich geheim zur Geduld ermahnt, und so tue auch ich, als ob ich's nicht merkete, was die fünfzig untereinander verhandeln. Aber sie werden nun bald dahin gelangen, wo man ihnen entgegentreten wird! Sei darum nun noch eine ganz kurze Zeit vollends ruhig!«
03] Roklus ward nun stille und wartete ab, was da kommen werde. Aber die fünfzig Pharisäer warteten nicht, sondern hielten ihre Beratungen fort.
04] Floran, ihr bekannter Hauptredner, war aber mit den sehr schlüpfrigen Ansichten des Obersten Stahar nicht einverstanden und sagte: »Des Meisters Essen und Trinken gilt mir noch als kein Beweis wider Seine Göttlichkeit! Es kommt mir Sein ganzes Benehmen mehr wie eine stumme Frage vor, ob wir in unserem Glauben nicht wankend werden, so wir etwa dies oder jenes an Ihm bemerketen.
05] Ist Er der von David so herrlich vorbesungene Messias Jehova Zebaoth, so kann Er tun, was Er will, und es ist von Ihm noch immer recht getan; denn wie sollen wir arme, ohnmächtige, sterbliche Menschen Dem Verhaltungsregeln vorschreiben wollen - da es doch nur von Ihm abhängt, daß wir sind und leben -, der Himmel und Erde gemacht und allen Tieren und Menschen ihre Glieder und verschiedenen Lebensorgane geschaffen, eingerichtet und gegeben hat! Da bist du, Stahar, und ihr alle rein auf dem allerschmutzigsten und sogar lebensgefährlichsten Wege!
06] Was kümmert es denn uns, daß Er nun etwas mehr Weines trinkt und Brotes ißt?! Ist ja doch Er der Schöpfer von beiden! Wahrlich, das beirrt mich nicht im geringsten; im Gegenteile freut es mich nur ganz eigens, so auch Er, als der Allerhöchste und Allerweiseste, sich in unserer menschlichen Weise bewegt!
07] Ich muß es offen gestehen, daß es von euch im höchsten Grade unklug ist, sich hier im Angesichte der höchsten Herrschaften der Welt so zu benehmen, als ob deren Heil von eurem Wohlwollen abhinge! Was und wer seid ihr denn? Nichts als arme, kriechende Erdwürmer vor der Macht eines solchen Menschen, der den Elementen gebietet, - und diese gehorchen Seinem Willen!
08] Der Wein hat auch eure Gemüter erhitzt und umnebelt euren Verstand; daher bringet ihr denn nun auch Urteile zum Vorscheine, die ich der übergroßen Dummheit wegen geradewegs klassisch nennen möchte. Was wollt ihr dadurch bezwecken? Oder könnet ihr aus dem Moses heraus erweisen, daß das dann und wann etwas reichlichere Trinken des Weines verboten sei? Könnet ihr behaupten, daß Noah gesündigt hat, als er vom Safte der Trauben ein wenig zuviel zu sich nahm? Ja,der Sohn hat gesündigt und sich des Fluches würdig gemacht, der den Vater dem Spotte preisgab; jener Sohn aber, der des Vaters Scham bedeckte, ward voll des Segens!
09] Daher sage ich euch: Was der Herr tut, ist allzeit und ewig recht getan! Und würde Er hier mehrere Schläuche Weines zu Sich nehmen, so hat uns das nicht zu kümmern; und würden Ihn tausend Jungfrauen umlagern, welchen Standes und Rufes sie auch wären, so hat uns auch das nicht im geringsten zu kümmern; denn Er ist ihr Schöpfer und Erhalter so gut wie der von uns! Was kann uns das kümmern, so Er Sich Seinen wie immer gearteten Werken nahet und das an ihnen etwa Schadhafte und Kranke heilt?! Seid um Jehovas Willen denn doch billig und dankbar bescheiden in euren Urteilen!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers