Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 64

Essäer Ruban spricht bei seinen Gefährten für Jesus.

01] Sagt Roklus: »Ja, ja, du hast recht, auch ich bin der Meinung! Aber wenn er solches uns etwa nur unter der Bedingung tun würde, daß wir am Ende alle unsere offenbaren Lügen dem Volke offenbaren sollen und demselben ersetzen so manchen irdischen Schaden, den wir ihm durch unsern Zauberbetrug verursacht haben?! Wer aus euch Lust und Liebe hat, in diese Nuß zu beißen, der beiße; ich habe vorderhand noch sehr wenig Lust dazu, mich darauf vom Volke ordentlich zerreißen zu lassen! Es ist das eine sehr kitzliche Sache!
02] Ich will aber vorerst vernehmen, was er von uns in dieser Hinsicht so ganz eigentlich verlangen wird! Und so will ich denn noch einmal zu ihm hingehen und sehen und hören, was er in dieser Hinsicht an uns alles für ein Verlangen stellen wird; denn von einer Entblödung vor dem Volke kann als von uns ausgehend gar keine Rede sein!«
03] Sagt Ruban: »Solches wird er von uns sicher nicht verlangen, denn er selbst wird es besser wissen denn wir alle! Es leidet nichts einen grellen Sprung; eines muß aus dem andern hervorgehen in der ganzen uns bekannten Natur! Daß wir manchmal Sprünge gemacht haben mit unseren Trugmitteln, ist nicht als Folge anzunehmen, daß auch er also handeln werde mit, uns! Gehe daher nur hin und tue ganz offen das, was ich dir nun angeraten habe.«
04] Sagt Roklus: »Ja, ich tue es aber nur, weil ich es tun will, nicht weil ihr andern es wollt, und weil du, Ruban, es mir angeraten hast!«
05] Sagt Ruban: »Das ist mir gleich, aus welchen Beweggründen du etwas tust, wenn du nur das Rechte tust! Aber weißt du, erster Unterdirektor und Leiter der auswärtigen Angelegenheiten des Institutes, das ist noch immer deine alte, hochmütig klingende Weise zu reden und zu handeln, daß du beim besten Rate, den dir ein anderer erteilt hat, sagst: "Oh, das habe ich schon lange eingesehen, mit mir beraten und werde es nun darum auch tun, weil ich selbst es also will!" Ob für immer der göttliche Nazaräer damit auch zufrieden sein wird, weiß ich kaum; denn er scheint ein Hauptfeind auch schon bloß nur des Scheines von einem Hochmute zu sein! Ich habe mich, verstehst du, offen gesagt, mit meiner Vernunft und mit der besonderen Schärfe meines Verstandes noch nie gebrüstet; aber das Gute habe ich in meinem Gemüte, daß ich mich bei einem Menschen schnell auskenne, wie er in seiner Sinnes- und Denkungsweise beschaffen ist.
06] Und so kenne ich mich nun auch mit dem göttlichen Nazaräer insoweit schon ganz prächtig aus, wie er in seinem Wollen und Begehren beschaffen ist. Demut scheint er allem vorzuziehen, ohne die wahrlich weder an eine Liebe und noch weniger an eine volle Wahrheit zu denken ist. Wir aber stehen ja auf einem Standpunkte, wo von uns aus ein jeder Blick, Tritt, ein jedes Wort und eine jede Handlung unseren Nebenmenschen gegenüber ein allerdichtester Betrug und eine allerabgefeimteste Lüge ist und nach unseren Ordensregeln auch sein muß, weil unser Wahlspruch dahin lautet, daß alle Welt darum von uns aus betrogen und belogen werden soll, weil sie selbst es also will.
07] Das ist aber nicht auch ein Grundsatz des göttlichen Nazaräers. Bei ihm heißt es sicher nur: "Die vollkommenste und reinste Wahrheit und ihre Gerechtigkeit um jeden Preis, auch um den des Bestandes der ganzen Welt!" Darum nimm dich zusammen; denn du stehest vor einem Richter, dessen Sehkraft auch bis zu deinen innersten Gedanken langt! Daher nimm dich in allem zusammen, sonst ist es um gar sehr vieles gefehlt!«
08] Sagt Roklus: »Ja, weil du, mein guter Bruder Ruban, dich denn gar so gut auskennest, so gehe du an meiner Statt zum Nazaräer hin und mache alles nach deinem Gutdünken mit ihm ab, und uns allen wird dann auch alles recht sein müssen; denn gegen einen so gewaltigen Strom läßt sich nicht schwimmen! Gehe und tue du das, und ich werde dir sogar obendrauf noch sehr dankbar sein!«
09] Sagt Ruban: »Warum nicht? Wenn ihr alle mich dazu bevollmächtiget, will ich euch den Gefallen recht gerne erweisen, - ja um vieles lieber, als noch länger mit ein abgeschmackter Volksbetrüger sein!«
10] Sagen alle zwölf: »Ja, wir bevollmächtigen dich dazu, und es wird uns ganz vollkommen recht sein, was du mit dem Nazaräer ausmachen wirst; denn unser Roklus ist wohl ein ganz vortrefflichster Direktor unserer auswärtigen Lug- und Trugangelegenheiten und ist ein feiner Politiker; aber die lichten Sphären der Wahrheit sind seine Sache nie gewesen, er würde sich sehr ungeschickt darin bewegen. Es ist darum besser, daß du an seiner Statt hingehest und mit dem göttlichen Nazaräer alles gut und zweckmäßig abmachest!«


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