Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 59

Raphael enthüllt innerste Gedanken des Roklus über Jesus.

  01] (Raphael:) »Es ist wohl wahr, daß du von dem berühmten Nazaräer so manches vernommen hast, was dir unglaublich schien, und du gerne mit Ihm eine Zusammenkunft, wenn es ohne viele Mühe sein könnte, gehabt hättest; aber gerade gesucht hast du das nicht und dachtest dir: "Wir haben ohnehin einige Brüder gegen ihn abgesandt, und diese werden uns schon berichten, was er lehrt und tut!" Aber die etlichen sind dann von euch völlig geschieden und sind Seine Jünger geworden und haben euch gar keine Nachricht über Ihn hinterbracht, und es machte euch das hie und da bangen, und erst dadurch seid ihr dann von Tag zu Tag neugieriger geworden, den Nazaräer persönlich kennen zu lernen.
  02] Allein, Freund, solche pure Neugier ist noch lange keine Liebe! Denn gestehe es nur selber, ob nun deine Liebe zum Nazaräer nicht so ungefähr der gleicht, wie ein besiegter Kämpfer sich seinem Sieger aus purer, in sich erkannter Schwäche allerfreundlichst ergibt, damit dieser ja keine weiteren Kraftbeweise an ihm in Vollzug setzen soll! Du hast eigentlich vor dem Nazaräer geheim eine ganz besondere Furcht und tust nur also, als wenn du gar so sehnlichst mit Ihm zusammenkommen möchtest; aber ich sehe in deinem Gemüte einen ganz andern Wind ziehen. Und weißt du wie der Wind, in Worte gekleidet, spricht? Höre, ich werde ihn dir verdolmetschen!
  03] Der Wind lautet also: "O du ganz verzweifelter Nazaräer! Gerade jetzt hat er auftauchen müssen! Unseres feinen Institutes Sache war nun schon im besten Gange! Jetzt muß der Plunder gerade den Nazaräer dahergebracht haben, der - wer kann's wie er?! - nun Wunder verrichtet, gegen die alle unsere Werke rein Asche sind und durch ihn noch am ehesten verdächtigt und wertlos werden können. Der ist uns erst als eine wahre Laus in unser Pelzwerk gekommen, die nicht mehr hinauszubringen sein wird. Nun aber heißt es zum bösesten Spiele auch sogleich eine allerbeste Miene machen. Es werde alles darangesetzt, daß er uns ja nicht feind werde. Denn wird er uns feind, so ist's auf einmal aus mit unserem ganzen Institute. Was nachher! Wohin, und was anfangen? Zu besiegen ist der nimmer; somit heißt es hier klug zu Werke gehen und ja sogar von weitester Ferne nichts Unfreundliches gegen ihn merken lassen, sondern ihn stets mit der größten Aufmerksamkeit behandeln und sich ihm so liebreich und dienstfertig wie nur immer möglich erweisen, so wird er als ein sein sollend guter Mensch gegen uns sicher nie ein Schwert erheben und wird uns zum wenigsten ungeschoren lassen!"
  04] Siehe, Freund, das und noch so manches enthält euer innerer Lebenswind, gegen den du mir wohl kaum etwas anderes einwenden kannst, als nur alles von mir nun Gesagte für eine Lüge zu erklären, was aber auch nicht gehen wird, weil ich dir da sogleich mit von deiner Hand geschriebenen Dokumenten entgegentreten würde, deren sehr schlüpfriger Inhalt hier wahrlich sehr viel Aufsehen machen wurde. Und das wäre eben das Stückchen, das dir deine schon ziemlich grauen Haare gen Berg treiben könnte! Hatte ich nun recht, so ich zu dir sagte, daß du also nur versuchen sollest, mit solch deinem scharfen Verstande den berühmten Nazaräer zu suchen? Was sagst du nun zu allem dem?«
  05] Sagt Roklus ganz betroffen: »Ja, lieber Freund, wenn du auch meine innersten Gefühle lesen kannst, dann hat mit dir jede weitere Besprechung aufgehört, und ich muß nun allen Ernstes vor dir, Junge, niederknien und dich für alles um Vergebung bitten, was ich nur immer dir entgegengesprochen habe!«
  06] Sagt Raphael: »Siehe, auch das mußte aus dir, und du bist jetzt erst fähig, dem Nazaräer vorgestellt zu werden, und so folge mir nun!«
  07] Sagt Roklus mit sehr stark verlegen klingenden Worten: »Ja, Freund, es ist das alles sehr schön und sehr erhaben! Ja, ja, darin liegt eine - wie sage ich nur gleich? - ja, ja, es liegt darin eine große Würde und eine gar unmenschlich große Ehre, dem mächtigsten und erhabensten Menschen der ganzen Erde vorgestellt zu werden! Ja ja, das ist es! Aber wenn so ein vollends göttlicher Mensch zu allen seinen unergründlichen Wundertatkräften auch die sonderbare Fähigkeit besitzt, unsereinen durch und durch zu schauen und einem Menschen, wie ich einer bin, gleich seinen ganzen Lebenslauf vor aller Welt herzuerzählen, - weißt du, da ist dann die nähere Bekanntschaft mit solch einem Gottmenschen durchaus nichts Angenehmes mehr! Und ich möchte nun schon lieber von hier laufen, als mich noch länger allhier aufhalten! Zudem ist es schon so hübsch nahe gegen den Abend gekommen, und wir alle haben noch für heute so manche Geschäfte daheim zu verrichten, - und du wirst uns daher schon für entschuldigt halten, wenn ich nun deinen mir sonst sehr werten Antrag ablehne, das heißt, so es eben nicht gerade sein muß, daß wir mit dem Berühmtesten aller Berühmtesten bekannt werden. Natürlich, so du aber das als etwas Gutes und Notwendiges für uns ersiehst und verlangst, so versteht es sich von selbst, daß wir uns gegen dich als unsern geistig größten Wohltäter sicher nicht widersetzlich erweisen werden; aber aufrichtig gesagt, es ist mir nun wirklich nicht sehr angenehm, einer gar so ungeheuren menschlichen Macht- und Weisheitsgröße gerade ganz knapp unters Gesicht gestellt zu werden, weil man sich daneben gar zu sehr als ein purstes Nichts zu fühlen anfängt! Man wird zu einem tausendfachen Nichts, während der Gegenpart mit seinem unerforschbaren Alles-in-Allem sich in solcher seiner Allheit nur stets mehr und mehr potenziert. So ein Nichtigkeitsgefühl schmerzt und tut dem Herzen wehe; daher habe ich denn nun auch keine so ganz absonderliche Freude mehr, dem berühmten Nazaräer vors Gesicht gestellt zu werden.«
  08] Sagt Raphael: »So ihr Den nicht kennen lernet, so verwirket ihr eurer Seelen ewiges Leben! Zudem hast du ehedem doch selbst ganz gut bemerkt, daß du, um alles zu haben, nur den Nazaräer allein zu haben brauchst! Nun ist dazu noch die Gelegenheit, aber nur noch bis gen Morgen vorhanden; am frühesten Morgen ist unabänderlich Seine Abreise von hier festgesetzt. Wohin weiß außer Ihm gar niemand! Daher habt ihr ja nichts zu versäumen, so ihr leben wollt für ewig!«
  09] Sagt Roklus: »Nun, so führe uns denn hin zu ihm! Umbringen wird er uns bei solchen Umständen ja etwa doch nicht?!«
  10] Sagt Raphael: »Das wahre Leben euch geben, ja das wird Er, - aber von diesem eurem nunmaligen Scheinleben euch kein Härchen krümmen! Darum folge mir, wie ich dir schon früher den Antrag gemacht habe!«


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