Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 56

Mutmaßungen der Essäer über die Person Raphaels.

01] Alle kamen und sagten: »Freund, das ist reinstes Gold, und der ganze Klumpen dürfte einen kaum schätzbar hohen Wert haben! Und das hat dieser unbeschreibbar schönste Junge bloß durch seinen Willen bewirkt, daß aus dem braunen Kornsteine nun ein ebenso großer Goldklumpen wurde? Das kann kein Magier! Das ist sonach ein reines Wunder, nur einem Gotte möglich, - was wir alle bisher zwar für eine Fabel hielten, aber dieses Faktum sagt uns offenbar etwas anderes. Der herrlichste Junge ist ein Gott und sonst nichts mehreres und nichts wenigeres! Der muß von uns ja angebetet werden, und wir müssen ihm opfern, was wir nur können, auf daß er uns nicht gram werde und uns ja gar verlasse!«
02] Sagt Roklus: »Er behauptet von sich, nur ein Jünger und Diener des stets berühmter werdenden Nazaräers zu sein. Er ist sonach kein Gott; aber desto klarer tritt hier die unbestreitbare Gottheit des Nazaräers in den Vordergrund! Auch habt ihr die Heftigkeit meines Falles zuvor gesehen, der mir sehr heftige Kopfschmerzen erzeugte, und mit einem ganz leisen Hauche aus des Jungen Munde waren sie buchstäblich weggeblasen. Also ist der Jüngling seiner eigenen Aussage zufolge nur ein Jünger und Diener des Nazaräers, verdient zwar alle unsere Achtung, jedoch keine Anbetung und kein Opfer! Da er aber nun ungezweifelt das ist, so lasset uns nun allein nach dem Nazaräer forschen; haben wir den, so haben wir alles!«
03] Sagen die Gefährten: »Am Ende ist aber eben dieser Junge der Nazaräer selbst?«
04] Sagt Roklus: »Nein, nein, das ist er nicht! Fürs erste fehlt ihm das Alter; dreißig Jahre, - wo denket ihr hin?! Der Junge hat kaum sechzehn! Und fürs zweite kommt des Jungen höchsteigenes Geständnis! Der mutwillige Junge ist zwar etwas schlimm, aber von einer Lüge ist bei ihm keine Spur, dafür stehe ich euch, - keine Spur von einer Lüge bei ihm; denn insoweit habe ich ihn wohl kennen gelernt! Wahrhaft ist er ohne weiteres, aber mitunter auch etwas schlimm, was wir seiner Jugend recht gerne nachsehen wollen, zumal er ein gar so schöner Junge ist, wie ich in meinem Leben noch keinen gesehen habe! Man sollte gerade glauben, daß er ein verkleidetes schönstes Mädchen sei; aber er sieht mir zuweilen doch viel zu ernst aus, daher ich ihn denn auch trotz seiner allerweiblichsten Schönheit dennoch für etwas Männliches halten muß. Auch ist er für ein Mädchen viel zu weise; denn die noch so schönen Mädchen sind stets etwas dumm und mögen sich nie und nimmer zur Weisheit eines Mannes erheben. Aber in diesem steckt eine ganz kuriose Weisheit, mit der es unsereiner nicht aufnehmen kann. Das alles aber beweist auch, daß er nicht der Nazaräer selbst, sondern ein rechter Diener desselben ist. Er führe uns irgend zum Nazaräer!«
05] Hierauf wendet sich Roklus wieder an den Raphael und sagt: »Höre, du liebster, obschon ein wenig mutwilliger Diener des Nazaräers! Wir beide sind miteinander fertig, und ich und meine Gefährten ersuchen dich nun nur bloß um das, uns anzuzeigen, wo wir den allerberühmtesten Nazaräer finden und treffen können!«
06] Sagt Raphael: »Ja, jetzt kann und darf ich es dir schon etwas weitwendig sagen, daß der allerberühmteste Nazaräer sich eben hier befindet! Die rechte Person kannst du dir mit deiner Verstandesschärfe schon selbst heraussuchen aus den etlichen hundert Gästen! Sieh, hättest du nicht einen gar so schaffen Verstand, so hätte ich dir die Person des Nazaräers auch angezeigt; aber deine Verstandesschärfe hindert mich daran! Darum gehe und suche recht und du wirst wohl das Rechte finden!«
07] Sagt Roklus: »Nur zugestichelt, - macht nichts; mein Verstand ist dennoch nicht zu verachten! Was er nicht finden mag und kann, das wird wohl mein Herz finden; denn das gehört doch auch nicht gerade zu den letzten auf dieser Welt. Sorge dich nicht um mich, mein junger, hochweisester Freund, ich werde nicht lange suchen und alsbald das Rechte finden und haben!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers