Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 46

Das Priestertum als Feind des Lichtes.

01] (Raphael:) »Ich sage dir, daß es kommen wird, daß Menschen auf Eisenstraßen so schnell, wie da fliegt ein abgeschossener Pfeil, dahinfahren werden und werden reden mit der Zunge des Blitzes von einem Ende der Welt bis zum andern, und werden in der Luft herumfliegen wie die Vögel, weithin über Meere, Länder, - und doch wird sie niemand für Magier und noch weniger für Götter halten! Wohl wird sich die allzeit bestehende Priesterschaft stets alle Mühe geben, beim Volke solch eine Aufklärung zu verhindern; aber es wird ihre Mühe auch allzeit eine völlig vergebliche sein!
02] Je mehr sie sich vornehmen wird, das Volk in die Nacht und alle Finsternis zu führen, desto mehr wird sie dadurch die allzeit daseienden Lichtgeister wecken zur desto größeren Gegentätigkeit, und es wird dadurch stets ein größeres und intensiveres Licht unters Volk ausgebreitet werden, bis am Ende die Priesterschaften selbst werden genötigt sein, in den für sie äußerst sauren Apfel des Lichtes zu beißen und Apostel des Lichtes zu werden; aber es wird dazu viel Kampfes benötigen.
03] Es wird kommen, daß die Magier höchst verfolgt werden, und der Keim zu diesen Verfolgungen besteht bereits schon zum Teil im Pharisäertume, das den Magiern sehr ungeneigt ist, und zum größten Teile aber bei euch Essäern, die ihr euch nun von aller Welt die Zauberkünste zusammenkaufet. Ihr sehet nun schon mit heimlich sehr eifersüchtigen Augen auf jeden Wundertäter, besonders wenn er etwa irgendein Wunder bewerkstelligt, das ihr schon zu eurem volkstäuschenden Erwerbe in eure Mauern eingereiht und eingeschlossen habt.
04] Es ist aber Gott dem Herrn nun also gefällig, nach und nach nicht die Priester, sondern ganz unscheinbare Menschen ganz außerordentliche Erfindungen machen zu lassen, durch die die Menschen in einen außerordentlichen Kulturzustand versetzt werden.
05] Dagegen werden die Priesterschaften freilich überlaut und gar mit Feuer und Schwert zu eifern anfangen, aber es wird ihnen das alles nichts nützen; denn je heftiger sie dagegen au kämpfen beginnen werden, desto nackter werden sie ihre selbst- und herrschsüchtigen, bösen Begierden vor die Augen des Volkes stellen und sich dadurch jedes Glaubens und Vertrauens verlustig machen.
06] Denn bei dem man einmal nur gemerkt hat, daß er jemanden hat betrügen wollen, auf den wird man künftighin auch kein Vertrauen setzen, ja sogar dann nicht, wenn er mit einer ganz reellen und wahren Sache zum Vorscheine käme; denn man fürchtet dabei irgendeine, auf böser Lauer im Hintergrunde steckende, schlechte Absicht. Daher wird es mit einer Priesterschaft, die durch ihren argen Eifer sich einmal zu sehr entblödet hat, nicht nur teilweise, sondern ganz aus sein.
07] Solches aber hat Gott der Herr aus Seiner Ordnung schon für immer also eingerichtet, daß alles Schlechte und Falsche sich allzeit selbst zerstört; und je mehr dieses nach einer Alleinherrschaft zu streben anfängt, desto eher wird es sich selbst zerstören.
08] Es gleicht alles Argtun der Menschen dieser Erde einer losen Maschine, die um so eher ganz unbrauchbar wird, je unausgesetzter und emsiger sie gebraucht wird. Auch des Menschen Leib nützt sich selbst ab und zerstört sich um so eher, je leidenschaftlicher er in seinem habgierigen Bestreben tätig wird.
09] Es ist daher für einen wahren Lebensphilosophen nimmer ein Grund, darum an keinen wahren Gott zu glauben, weil er alle die Priesterschaften Arges wirken und Dinge begehen sieht, darob sich seine Vernunft ganz umkehren möchte. Denn alles das läßt der Herr also zu: erstens, daß dabei die wahre, reine Vernunft desto geweckter werde zur wahren Tätigkeit, und zweitens, daß sich das Arge dadurch desto eher selbst zerstöre und gänzlich zugrunde richte.
10] Am Tage sucht niemand ein Licht und achtet nicht einmal den wahren Wert desselben; denn es drückt ihn ja nirgends die Bürde der Nacht. Am Tage läßt sich gut wandeln, weil man da jedem Graben, jedem Steine an der Straße und jedem Abgrunde ausweichen kann, da man alles das schon von weitem sehen kann. Aber in einer stockfinstern Nacht ist das ganz anders; da kann man nur mühsam und höchst vorsichtig vorwärts kommen!
11] Wie willkommen ist dem Wandler da auch nur ein kleines Lichtflämmchen, das ihm den Pfad zur Not nur auf einige Schritte weit erleuchtet, und mit welcher Sehnsucht wird der lichtfreundliche Wanderer in der Wüste dem kommenden Morgen entgegenharren!
12] Und siehe, gerade also ergeht es den geistigen Lichtfreunden in der Mitte einer geistigen Nacht, die zum größten Teile die schnöde Hab- und Herrschgier der Priester unter die oft zu leichtgläubigen Menschen gebracht hat; aber je finsterer es wird, desto mehr wird auch stets der Lichtmangel wahrgenommen und desto höher geschätzt der volle Wert des geistigen Lichtes.
13] Menschen, die einmal durch die Erziehung schon von der Wege an völlig verfinstert sind, die merken den geistigen Lichtmangel freilich nicht und fühlen sich ganz behaglich unter den blinden Tröstungen ihrer Priester, die ihnen stets eine Menge erbaulicher Geschichten zwar schon lange Verstorbener, aber nach den Satzungen der Priester dereinst fromm und treu gelebt habender Menschen zu erzählen verstehen, und das mit der möglichst frischesten Färbung. Das beruhigt die total Blinden ganz und gar; sie weinen dabei oft vor lauter Rührung und werden ganz gemütlich gestimmt, was natürlich dem Priester niemals einen Schaden bringt.
14] Solche Menschen, wie gesagt, verspüren den Druck ihrer geistigen Nacht ebensowenig, wie da ein Stockblindgeborener von dem Drucke einer noch so finstern Nacht je etwas verspürt hat; ihm geht nie eine Sonne auf noch unter! Aber ganz anders drückt die Nacht den, der fortwährend im Lichte des ewigen Wahrheitstages zu wandeln gewohnt war und dann als ein bester Sänger mit den Wölfen mitzuheulen anfangen muß, wenn er seine gesunde Haut erhalten will!
15] Stelle dir eine Lage vor, wo einige wenige Sehende sich unter einer Gemeinde befänden, in der jeder ein Blinder ist! Es finge nun aber einer der Sehenden an, eine Beschreibung von der großen Herrlichkeit des Lichtes zu machen und von seinem herrlichsten Farbenspiele. Die Blinden würden ihm aber sogleich zu schweigen gebieten und ihn einen frechen und böswilligen Lügner schelten, während er von der hellsten Wahrheit doch mehr als handgreiflich überzeugt wäre! - Sage mir oder denke dir es, wies da den Sehenden nach und nach zumute werden müßte, und besonders, so die Sehenden die besten Mittel besäßen, die meisten Blinden der ganzen Gemeinde sehend zu machen, so diese es nur wollten! Wie würde es dir da mit deiner reinen Vernunft zumute werden?«


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