Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 29

Die Residenz des Lamaoberpriesters.

01] (Roklus:) »"Die Stadt, in der er residiert, hat keinen Namen, ist sehr groß und für die Ewigkeit fest erbaut. Sie steht, umgeben von lauter unübersteigbar höchsten Gebirgen, selbst auf einem hohen Berge, über dessen Felswände wohl niemand zu klettern imstande sein dürfte, wenn er sich auch dem umfangreichen Berge nahen könnte, was aber dadurch zur barsten Unmöglichkeit wird, weil der ganze große Berg, auf dem die namenlose Stadt erbaut steht, in der Hochebene, die eine große Ausdehnung hat, mit einer dreifachen Ringmauer umgeben ist, durch die nirgends ein Tor geht; man kann über die Mauern nur mittels von oben herabgelassener Strickleitern gelangen.
02] Ist man aber auf diese Art auch über die drei gewaltigen Mauern glücklich gekommen, so steht man nun an den kahlen Felswänden des Berges. Man geht dann fleißig einen ganzen und guten halben Tag um den Berg herum und sucht vergeblich einen möglichen Aufgang, den man aber unmöglich findet, weil es äußerlich keinen gibt. Nur die Wächter der dritten Ringmauer kennen das Tor in einen Felsen, zu dem man aber auch nur wieder über eine herabgelassene Strickleiter gelangt. Ist man einmal auf dem Felsvorsprunge oben, der vom Boden gut bei zwölf Manneshöhen absteht, so hat man noch nichts erreicht, wenn die Wächter dieses Vorsprunges, der oben einen Flächenraum von gut zwei Morgen innehat, einem das Tor nicht öffnen und einen mittels eines Fackellichtes durch einen langen, unterirdischen Gang hin auf des Berges Höhe führen.
03] Ist jemand nach einer starken Stunde auf unterirdischen Treppengängen einmal auf der vollen Bergeshöhe angelangt, so kann sich sein Auge nicht satt sehen an den großen Naturherrlichkeiten, die es da erblickt. Der obere Flächenraum ist mehrere Hunderte von Morgen groß und besteht aus den üppigsten Gartenanlagen. In der Mitte der Hochfläche befindet sich auch ein bei zwei Morgen großer See, der zwar nicht sehr tief ist, aber das feinste und wohlschmeckendste Wasser enthält und alle Einwohner der großen und heiligsten Bergstadt mit seinem unentbehrlichsten Elemente bestens versieht.
04] Man geht nun stundenlang auf der hohen Bergfläche umher und bemerkt keine Spur von einer Stadt. Will man in diese kommen, so muß man erst einen ziemlich gedehnten Wald passieren, kommt dann wieder zu einer Ringmauer von großem Umfange, durch die man aber durch Tore und Zugbrücken gelangen kann. Kommt man also nach vielen Mühen und Beschwerden in die große Stadt, so ist da eine Herrlichkeit zu sehen, von der sich kein Sterblicher einen Begriff machen kann. Man kann da alles sehen bis auf den Palast des Oberpriesters.
05] Dieser befindet sich in der Mitte der großen Stadt auf einem noch höheren Felsen, der einen Umfang von gut dreitausend Schritten hat und noch bei dreißig Mannshöhen über die anderen Gebäude der großen Stadt ragt. Man gelangt in diesen heiligsten Palast auch nur durch unterirdische Treppen. Wie es aber darin aussieht, kann ich dir nicht sagen, weil ich erstens selbst nie darin war und mir auch niemand davon je eine Beschreibung gemacht hat; denn außer den Hochdienern des Oberpriesters darf bei Lebensstrafe niemand jemals es wagen, sich auch nur der Eingangspforte zu nahen.
06] Es soll wohl zu öfteren Malen der Oberpriester verkleidet in die Stadt herabkommen, auch in den Gärten Lustwandlungen vornehmen und sich besprechen mit den anderen Priestern als den einzigen Bewohnern dieser Stadt; aber es darf ihn da ja niemand erkennen oder ihn gar als Oberpriester begrüßen. Wer von den Priestern das tun würde, würde sich sehr bedenklichen Unannehmlichkeiten aussetzen. Nur viermal im Jahre ist ein Tag bestimmt, an dem er sich im vollsten Ornate den Bewohnern der Stadt zeigt. Das sind aber dann auch die höchsten Feiertage. Drei Nächte vor- und drei Nächte nachher erbrennt der ganze Berg von zahllosen Lichtern, so daß davon alle die Umgebirge weit und breit wie glühend erscheinen, was stets einen furchtbar schönen Anblick gewährt.
07] Zu dieser Hochebene, in deren Mitte sich der nun beschriebene Berg mit der heiligen Stadt befindet, gelangt man aber auch nicht so leicht, wie du dir's vielleicht vorstellst; denn man muß da zuvor tagereisenlang viele Berge, Täler, Gräben und Schluchten passieren. Am Ende kommt noch ein Engpaß, wie es keinen zweiten irgend in der Welt mehr gehen kann! Um endlich in die Hochebene zu gelangen, muß man über Leitern steigen, ohne die es unmöglich wäre, auf die Hochebene zu kommen. Da kannst du mit aller deiner Macht unmöglich vorwärtsdringen; denn diese Naturfestungen sind für keine irdische Kriegsmacht einnehmbar, weder durch Belagerung, noch durch was immer für andere Gewaltmittel. Du kannst zwar die Völker auf eine Zeitlang von ihrem Lamaoberpriester abschneiden, - aber sie von ihm abwendig machen nimmer! Denn dafür sorgen schon seine mächtigen Fürsten, von denen dir ein jeder deine Kriegsmacht verdoppeln kann. Ich rate es dir demnach nicht, dich am großen Indien zu vergreifen; denn es würde dir dabei sehr schlecht ergehen! Hierauf schwieg er wieder, und ich hatte Zeit, mir meinen schönsten Teil zu denken. Daß der Indiergott abermals ein Mensch ist und sich sehr wohl zu befestigen verstanden hat, das habe ich herausbekommen und wußte nun eben das, was ich hatte wissen wollen.«


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