Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 26

Freundliche Entgegnung des Cyrenius an Roklus. Die Ursachen des Verfalls des Priestertums.

01] Hierauf wendet sich Cyrenius wieder an den Roklus und sagt: »Nun höre, Freund, ich habe alles das, was ich von dir vernommen habe, reiflichst überdacht und hin und her überlegt, habe deine Gründe zwar sehr wahr und triftig gefunden und kann nicht umhin, dir zu sagen, daß du in vieler Hinsicht recht hast, aber ganz in allem dennoch nicht, da du denn doch bei allen deinen gesunden Ansichten den Fehler eines übertriebenen Eifers hast und das Kind samt dem Bade ausschüttest, deine Urteile nach der Gegenwart richtest und ein Gebäude aufführst, das keinen soliden Grund hat, auf dem Sande steht und von den Stürmen leicht zerstört werden kann.
02] Es ist wohl wahr, daß die Priester, besonders die hohen, zumeist höchst herrschsüchtige und darum auch zumeist herzlose Menschen sind und die Unterpriester zumeist nach ihrer Pfeife tanzen müssen, besonders jene, die in der unmittelbaren Nähe der Großen und Hohen ihr Amt zu versehen haben; aber ganz so leer und als ein purster Betrug stehen denn die Sachen doch nicht da, als wie du es dir vorstellst und nimmst!
03] Denke dir nun den Unterschied in der Sprache zwischen jetzt und der Vorzeit! Vor tausend Jahren sprach man in lauter Bildern und entsprechenden Gleichnissen. Die ganze Sprache war eine rechte Poesie, aus welchem Grunde die Alten denn auch alles in Versen geschrieben und auch gemeinhin miteinander geredet haben; denn die sogenannte elende Prosa kam erst dann zum Vorscheine, als die Menschen grundverderbt ins rein materiellste Fleischleben übergegangen sind.
04] Es mögen demnach die alten Propheten und Seher immerhin den Menschen den wahren und den rechten Gott beschrieben und gezeigt haben, und die ersten Menschen haben sie auch sicher besser verstanden, als wir sie nun verstehen; aber durch die damals strikte Befolgung der bekannten weisesten Gebote Gottes kamen schon die jüngsten Nachkommen in einen großen Wohlstand. Dieser machte sie bald übermütig, sinnlich und gemein. Derlei Menschen hatten nur gar zu bald mit der bildlichen Seelensprache nichts mehr zu tun und verstanden die Sprache der alten Propheten und Seher ehest darauf gar nicht mehr.
05] Man fing an, am Buchstabensinne, der nicht belebt, sondern nur tötet, zu kleben, und kam auf diese Weise nur zu bald um den Lichtkern der Wahrheit. Wir alle, wie wir hier sind, bis auf zwei unter uns, wußten samt und sämtlich von einem inneren, geistigen Wahrheitssinne nichts, und es kam uns, wie dir, alles als eine blankste Torheit vor, was wir von allen den Sehern und Orakeln vernommen haben. Aber die beiden, die auch unter uns sind, und besonders der Eine, haben uns eines Bessern belehrt und gezeigt, wie ganz und gar entsetzlich irrig wir alle die alten Seher und Propheten verstanden haben.
06] Aus solch irrigem Verständnisse mußten am Ende ja auch ganz verkehrte Lebensgrundsätze herauswachsen, und aus diesen andere Torheiten in einer Unzahl, und die Gotteslehren konnten am Ende ja auch kein besseres Gesicht haben als alles andere, was der Mensch tat und zustande brachte.
07] Weil aber die Menschheit in ihrer inneren geistigen Lebenssphäre gar so sehr ins Trübe gekommen ist und sich von dem höheren, göttlich geistigen Einflusse wie total verlassen fühlen mußte, so fing die Selbstsucht an, sich zu steigern, umpanzerte sich, witterte allenthalben Feinde und rüstete sich gegen ihren allfälligen Angriff mit lauter äußeren Waffen gleich einem Menschen, den im dichten Walde die Nacht überraschte, und der aus Furcht vor irgend feindlichen Kreaturen auch alles mögliche aufbietet, um sich einen Schutz gegen seine vermeintlichen, auf ihn eindringen wollenden Feinde zu bereiten.
08] Ja, mancher treibt es mit seiner Furcht so weit, daß er die Möglichkeit vom Dasein eines ihm freundlichen Wesens in die vollkommenste Nullität zieht und setzt, sich gegen jedermann verschließt und ein vollendetster Geizhals ist, der alles zu seiner Sicherung zusammenrafft und niemanden neben sich aufkommen läßt! Er umgibt sein Haus mit hohen und dicken Mauern, seine Schätze verschließt er in ehernen Särgen und verscharrt sie obendrauf oft unter die Erde, gewöhnlich an einem solchen Orte, der von Menschen schwerlich irgendwann betreten wird.«
09] In solchem Zustande wird der Mensch dann auch sehr herrschsüchtig, umgibt sich mit allerlei Macht und sucht dann auf die schonungsloseste Weise sich alles zuzueignen, aus Furcht, irgendeinmal zuwenig haben zu müssen.
10] Gehe hin und frage so einen echten Geizhals, für wen er denn alles also zusammenraffe, da er ja doch selbst für seine Person das in tausend Jahren nicht verzehren könne, was er sich zusammengeknickert hat. Da wird er dich gleich als seinen Erzfeind ansehen und dir sicher keine Rede und Antwort geben. Und also sind nun in geistiger Beziehung namentlich vor allem die Priester.
11] Sie sind zwar im äußeren Besitze der alten prophetischen Überlieferungen und lesen und betrachten sie auch am meisten; aber eben dadurch geraten sie auch zuerst und zumeist in einen dichtesten Wald voll Finsternis und Zweifel, aus denen sie sich nimmer zurechtfinden können. Weil sie aber schon einmal Priester sind, so müssen sie sich vor dem Volke durch allerlei törichtes Außengepränge den Schein geben, als wüßten und verstünden sie etwas; aber sie wissen und verstehen nichts, außer das - aber nur geheimst bei sich selbst -, daß sie total nichts wissen, verstehen und erkennen!
12] Sie verwenden daher ihre Zeit nur darauf, wie sie immer wirksamer ihre totalste Unwissenheit vor dem Volke verbergen und demselben einen recht dicksten blauen Dunst vormachen könnten, was ihnen, die es mit ihrem Denken doch so weit gebracht haben, daß sie bei sich selbst gar nichts wissen - wozu schon sehr viel gehört -, eben eine nicht zu schwierige Aufgabe ist.
13] Manche kommen hinterdrein freilich oft durch ein Ungefähr zu einem Lichte rechter Art; aber sie können nun das einmal aufgebaute Gebäude, leider voll Trug und Lug, nicht mehr des einmal verfinsterten Volkes wegen umstoßen. Sie müssen nun einmal mit dem Strome fortschwimmen und höchstens ganz geheim bei sich die bessere Überzeugung behalten.
14] Glaube du mir sicher, daß es unter den Priestern von was immer für einer Gotteslehre Männer gibt, die ihre total falsche Außenlehre nur zu gut kennen und ganz tüchtige Kenntnisse von einem wahren und einigen Gotte haben, dem sie in ihrem Herzen auch völlig anhängen; aber sie können ein für alle Male am alten, irrsäligen Gebäude dennoch nichts ändern! Sie überlassen das ganz geduldig Dem, der die Macht hat, die Tempel des Truges umzuschmeißen, wann es Ihm beliebt und Er es für gut finden wird. Denn Er werde es auch schon am allerbesten wissen, warum Er es zugelassen habe, allerlei Truggöttern und Götzen Tempel zu erbauen und sie mit Mauern und Schwertern zu befestigen!
15] Wenn du nun das so recht reiflich überlegst, so muß es dir denn schon wenigstens darin ein wenig heller zu werden anfangen, daß du bei aller deiner Verstandesschärfe und bei allen deinen vielen Erfahrungen als ein kompletter Atheist nicht in allen deinen angeführten Gründen durchaus recht hast und von der reinen, inneren Wahrheit noch sehr ferne stehst!
16] Nun ist wieder die Reihe an dir, dich zu rechtfertigen, wie du magst und kannst; denn nun stehen wir uns als Freunde gegenüber, und es ist dir das freieste Wort ohne die geringste richterliche Ahndung gestattet! Du kannst dich nun ganz offen aussprechen, wie es dir ums Herz ist, und ich werde dich darauf nicht als ein erster Gewaltträger Roms, nicht als ein oberster Richter, sondern als Mensch und Bruder auf den rechten Weg zu bringen trachten durch Wort, Rat und Tat! Willst du aber das nicht, so kannst du nach deinem freiesten Willen dich allerungehindertst von hier begeben und hinziehen, dahin du magst und willst! Es wird mir zwar sehr leid sein, dich in deinem Wahne von hinnen ziehen zu lassen; aber dessenungeachtet sollst du schon wegen deiner Verstandesschärfe, die ich zu achten verstehe, von mir nicht den allerleisesten Zwang irgend zu erleiden bekommen. Rede sonach nun weiter ganz frei und offen mit mir, deinem Freunde!«


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