Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 22

Roklus beweist seinen Atheismus.

01] Sagt Roklus: »Du hast recht, wir sind das alles, wie du soeben einen echten Epikureer gezeichnet hast, und befinden uns diesirdisch ganz wohl dabei! Für unsern Atheismus aber haben wir so viele der allertriftigsten Beweise, daß wir damit das ganze, große Meer ausfüllen könnten. Ich will dir nur über die dir schon bekanntgegebenen noch welche hinzufügen, und ich hoffe, daß du daran genug haben wirst, und du wirst uns auch mit oder ohne deinen Willen recht geben müssen! Und so wolle mich denn gnädigst anhören!
02] Sieh, alles, was irgend ein wie immer geartetes Dasein hat, äußert sich stets zu Zeiten auf eine für alle Menschen ohne Ausnahme fühlbare Weise! Ist das daseiende Wesen ein mit irgendeiner Art Vernunft begabtes, so wird diese aus seinen Werken gar leicht und bald ersichtlich sein; ist aber ein Wesen, wie zum Beispiel eine Bildsäule, mit gar keiner Vernunft begabt, so werden vom selben entweder gar keine oder nur solche Werke ersichtlich sein, die der blindeste Zufall an dem Wesen verübt oder demselben angefügt hat. Wo demnach irgendeine wenn noch so beschränkte Intelligenz vorhanden ist, da wird sie sich auch ehest durch die von der innern Intelligenz ausgehenden ordentlichen Erscheinungswerke äußern.
03] Zum Beispiel: Eine noch so einfache Moospflanze beschafft sich selbst einmal eine ganz ordentliche Form und bildet dafür auch ihren Organismus aus, aus dem sie sich dann im weiteren Verfolge Blüte, Samenkorn und mit diesem die Fortpflanzungsfähigkeit beschafft. Bei höherstehenden Pflanzen ist nach einer gewissen Stufenfolge eine größere und entschiedenere Intelligenz noch um vieles ersichtlicher und erkennbarer.
04] Gar entschieden tritt dann erst bei den Tieren eine innere Intelligenz auf, deren Werke, wennschon in der Anzahl und im Wechsel noch sehr beschränkt, die des Menschen in vielfacher Hinsicht übertreffen. Des Menschen Werke zeugen wohl von seiner äußerst umfangreichen Intelligenz; aber nirgends ist eine von innen ausgehende Vollendung ersichtlich, ein Etwas, das den Werken der Tiere durchaus nie und nirgends abzusprechen ist. Also stehen auch eines Tieres Außenwerke inniger mit seinem Wesen und Charakter im Verbande, als wie das beim Menschen, diesem Gotte der Erde, der Fall ist.
05] Des Menschen Werke sind eigentlich nur eine Nachäfferei und bestehen aus plumpen, bloß äußeren Formierungen, die jedes eigentlichen inneren reellen Wertes bar sind. Der Mensch kann zwar aus allen möglichen fügbaren Stoffen eine Art von Bienenwachszellen nachäffen, ja er kann sie auch nachzeichnen und nachmalen, - aber welche Plumpheit, abgesehen des Stoffes, aus dem die Biene ihre Zellen baut, waltet da vor! Es scheint überhaupt, daß die Natur mit dem Menschen sich einen nahe mit Händen zu greifenden Scherz erlaubt hat! Es wohnt ihm eine umfassendste Intelligenz wohl offenbar inne und ebenso auch der Sinn für eine wahre Vollendung; aber er kann da schon tun, was er nur immer will, so erreicht er diese doch nimmer und nimmer!
06] Wenn wir denn annehmen, daß alle organischen Wesen auch beseelt sind und die Seele überall das handelnde Prinzip ist - ob mehr oder weniger vollkommen, ist hier ganz einerlei -, so kann diese Annahme dadurch zur evidenten Wahrheit erhoben werden, daß man logisch richtig von der Wirkung auf die Ursache zurückschließt oder von den Werken auf die Kraft, die wir denn die 'Seele' nennen wollen. Nach dem Grade der Vollendung und Ordnung der Werke einer Seele schließt man denn auch folgerichtig erstens auf ihr Dasein und zweitens auf ihre Tüchtigkeit. Finden wir aber irgendein chaotisches Gemenge wild und ordnungslos durcheinanderliegen ohne eine Regung und Bewegung, also ohne alle Spuren irgendeines Lebens, so denken und sagen wir: Da waltet der sich selbst gänzlich unbewußte Tod, dessen Fürgehen ein volles Zunichtewerden ist, eine Erscheinung, die man im Herbste an gar vielen Bäumen und Gesträuchen bemerken kann, von denen das früher so schöne und bestgeordnete Blätterwerk der Baumseele in der wildesten Unordnung herunterfällt, verdorrt und den Winter hindurch nahe völlig zunichte wird.
07] Wer aber ist der Feinfühler, der in der totalsten Ordnungslosigkeit auch noch eine wirkende Seele erblicken wollte?! Ein Entfliehen und Zunichtewerden derselben ja, aber kein neues und etwa gar ein vollendeteres Werden! Wohl wird durch das verweste Laubwerk der Boden der Erde fetter und empfänglicher für die Feuchtigkeit aus der Luft und durch diese ernährungsfähiger für die darauf wachsenden Pflanzen; aber das herabgefallene Laub wird daraus nimmer als eines und dasselbe wieder erstehen, weil dessen Seele so gut wie gar keine mehr ist.
08] Man kann demnach füglich den Satz also feststellen, daß man sagt: Je geordneter und vollendeter ein Werk ist, desto vollkommener ist auch die dasselbe hervorbringende Kraft, die man 'Seele' oder auch 'Geist' nennt. Man kann also ganz folgerichtig von den Produkten oder Werken auf das Dasein einer Seele oder eines Geistes schließen und auf ihre Tüchtigkeit.
09] Wo finden wir aber jene Werke und jene Ordnung in ihnen, die uns nur mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ein allerhöchstes, allerweisestes und zugleich allmächtiges Wesen der Gottheit schließen ließen? Nur zu bekannt ist der Lehrsatz aller Theisten und Theosophen (Gottesgläubige und Gottesweise): "Sieh an die Erde, ihre Berge, Felder, Meere, Seen und Flüsse und alle die zahllosen Kreaturen, die sie bewohnen! Alles das weiset hin auf das Dasein von höheren Gottwesen!" oder wie bei den blinden Juden auf nur einen Gott, was im Grunde um ein Haar vernünftiger ist und zugleich denn doch auch bequemer, als gar so viele unsichtbare Herren zu haben, wo man sich mit dem einen offenbar verfeinden muß, so man dem andern huldigt und opfert. Ich möchte den kennen, der mit der Juno und mit der Venus zugleich gut auskäme, oder mit dem Mars und Janus, oder mit Apollo und Pluto!
10] Auch da sind die Juden wieder um ein Haar besser daran; denn sie haben einen Jehova, der auch ein Herr über ihren Pluto, den sie 'Satan' nennen, ist. Nur ist der Juden Pluto ein höchst dummes Luder, weil er seine Diener, statt sie auszuzeichnen und zu belohnen, gar böse und übel mitnimmt; und es läßt sich daher kein ehrlicher Jude darum ein graues Haar wachsen, seinen Herrn Pluto nach aller Möglichkeit auf das tiefste zu verachten, und er erscheint dann dem Jehova um so angenehmer, mit je mehr Energie er den Judenpluto verachtet und dessen Willen zuwiderhandelt, was ich keinem echten Römer und Griechen raten möchte! Wir dies täte, der käme dann den allerbösartigsten Plutopriestern recht. Da heißt es, dem Pluto so gut Opfer bringen wie dem Zeus, sonst sitzt einem armen Sünder der liebe Pluto im Genicke, und Zeus kann da von Rechts wegen gegen Pluto nichts tun und irgend etwas ausrichten; denn das Suum Quique (Jede das Seine) steht als ein Satz des Fatums obenan, gegen das selbst Zeus kein Urteil fällen kann, ohne sich der Gefahr auszusetzen, mit allen andern Göttern in eine Kollision zu geraten.«


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