Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 246

Die Vorteile der Venusordnung.

01] Als solches der Lehrer und Führer auf der Venuserde seiner Gemeinde kundgemacht hatte, wurden die drei vom Raphael wieder erweckt. Es war unterdessen aber schon recht hell geworden und keine Stunde Zeit mehr bis zum Aufgange, und Mathael verwunderte sich groß über das, was er nun in einem höchst lebhaften Traume gesehen hatte. Er erzählte den Traum, und beide, Murel und Philopold, verwunderten sich noch gewaltiger, weil sie auch auf ein Haar dasselbe gesehen und gehört hatten, was Mathael als seinen Traum kundgab.
02] Raphael aber sagte: »Nun, wie gefiel es euch auf dem Morgenstern?«
03] Sagt Mathael: »Ja, wenn das unfehlbar der Morgenstern war, woran ich nun gar nicht mehr zweifle, so gefiel es mir ganz wohl, und die Menschen mit ihrer Lehre und strengen Beachtung des Ebenmaßes sind durchaus nicht dumm und müssen sich gleichfort höchst sittenrein verhalten; denn bei solchen Umständen ist eine Sünde eine barste Unmöglichkeit! Mir würde aber bei solch einem Lebensverhältnisse unerträglich langweilig; ein ewiges Einerlei und kein Fortschritt, das ist so ein Amphibienleben! Eine Schnecke und ein Venusmensch haben offenbar ein und dasselbe Bedürfnis; was darüber hinausgeht, geht beide nichts mehr an. Nein, Freund Raphael, der Morgenstern leuchtet sehr schön und ist von dieser unserer Erde aus ungemein herrlich anzusehen; aber als Welt mit seinen Menschen und andern Geschöpfen gefällt er mir wohl gar nicht!
04] Es ist zwar wohl wahr, daß bei solch einer Verfassung unter den Menschen jener Welt ewig nie ein Krieg ausbrechen kann, da dort eben auch von einer Sünde nie eine Rede sein kann; aber mir ist dennoch ein rechter Sünder auf dieser Erde um vieles lieber als ein solcher Venusmensch bei aller seiner Sittenreinheit! Solch eine Sittenreinheit kann auch keinen Wert haben, weil neben ihr keine geistige Vollendung Platz greifen kann; denn könnte da ein Mensch vollendeteren Geistes werden, so müßte er bei solch einem symmetrischen Benehmen und Handeln der gesamten Menschheit des Morgensternes total verzweifeln, weil es ihn nach vorwärts drängen würde, und er müßte auf dem Flecke stehenbleiben wie ein Baum!
05] Ein geistig vollendeter Mensch auf der Venuserde gliche auch einem Baume, der denken und begehren könnte, aber mit seinen Wurzeln dennoch am Boden befestigt stehenbleiben müßte!
06] Sage uns, lieber Freund, haben denn die Venusmenschen gar keinen Geist, keine Liebe, keinen freien Willen und keine Begierde?! Sie müssen ja doch denken können und zählen, weil ihr Lehrer ihnen die Rechenkunde vor allem auf das sorglichste anempfohlen hat; können sie aber das, so muß bei ihnen ja auch irgendein geistiger Fortschritt denkbar sein!?«
07] Sagt der Engel: »Allerdings, - aber sie wollen keinen äußerlich scheinenden, sondern nur einen inneren allein; denn sie sagen und erkennen, daß ein äußerlich ersichtlicher Fortschritt dem inneren des Geistes hinderlich sei. Man mache alles Äußere so stereotyp (unveränderlich) und abgemarkt als möglich, richte es ein nach dem Bedürfnisse des Leibes, - aber man gehe darin dann auch um keinen Schritt mehr weiter, denn jeder Fortschritt im Äußern und Materiellen sei ein Rückschritt des Geistigen, Inneren.
08] Bei den Menschen, die das Äußere zu sehr kultivieren, herrscht im Innern die gewissenloseste Barbarei. Mit einem innern stillen Geistesvorzuge begabt, hat ein Volk noch nie irgendeinen neidischen Nachbar zum Kriege gelockt; wenn aber einmal ein Volk seine innere Geistesgröße durch leicht ausführbare Außenwerke an den Tag gestellt hatte, da weckte es damit auch gleich die Eifersucht eines Nachbarvolkes, und der Krieg war fertig! Wenn nun das bei den Venusmenschen nie der Fall ist und sein kann, sind sie darum schlimmer daran als die Menschen dieser Erde?
09] Dort hat der Mensch gar keinen äußern Vorzug, weder in seiner Gestalt noch in seiner Kleidung und Wohnung; daher wird dort alles nur nach dem innern Werte geschätzt. Zufolge der gleichen äußern Bildung haben auch alle Menschen eine völlig gleiche Gestalt, die durch die ewig gleiche Kleidung noch sich ähnlicher aussehend gemacht wird, als sie im Grunde ist.
10] Menschen, die nicht durch allerlei Leidenschaften verzehrt werden, werden sich auch im Außentypus wie Brüder und Schwestern ähnlich sehen. Je mehr aber irgend die sogenannte äußerliche Form der Menschen untereinander verschieden ist, desto mehr ist dies auch ein Zeichen der inneren Zerfahrenheit, weil jedwedes Innere sich nach den Außenbestrebungen gerichtet hat, die sich aber nie ähnlich werden können, weil des Menschen nie zu sättigende Habgier, Neid, Mißgunst, Hochmut, Stolz, Hochmut und Herrschlust daran kleben.
11] Wenn du einen grünen Mantel trägst, dein Nachbar einen blauen und ein dritter einen roten, so werdet ihr bald wegen der Vorzüglichkeit einer oder der andern Farbe in einen Zank und Hader geraten; habt ihr aber alle drei von einer und derselben Farbe einen gleichformierten Mantel, so wird es euch nicht im Traume einfallen, untereinander über den größeren oder niederen Wert der Farben und der Formen einen dummen, nichtssagenden Hader anzufangen, und es wird euch Zeit bleiben, über bessere Dinge und Sachen zu reden.
12] Ihr habt auf der Venuserde die völlige Ähnlichkeit aller von euch gesehenen Menschen und deren Physiognomien gesehen. Ein Mann sah dem andern so ähnlich wie ein Auge dem andern, ebenso ein Mädchen und ein Weib; überall eine und dieselbe Form, aber an und für sich höchst schön und vollkommen. Das ist ebenfalls sehr gut.
13] Auf dieser Erde macht die Verschiedenheit der Formen, nach dem Grade der eingebildeten minderen oder größeren Schönheit, nicht selten den Grund des Zankes, der Liebe, des Hasses, der Verabscheuung oder einer übertriebenen äußeren Bevorzugung und Hinneigung aus; auf der Venuserde ist von alledem keine Spur. Die Menschen lieben sich dort nur nach dem innern Grade der Weisheit. Je mehr jemand von der Güte, Macht und Weisheit des großen Geistes zu erzählen weiß, und je sanfter und demütiger er wird, einen desto größeren Wert und eine desto größere Achtung hat er von seiner Gemeinde! - Sagt mir, ob das nicht auch eine höchst weise Einrichtung von seiten des Herrn ist!«
14] Sagt Mathael: »Allerdings, und ich möchte, daß nun auf unserer Erde eine gleiche Einrichtung bestände! - Aber nun erhebt Sich der Herr und alles Volk mit Ihm! Nun heißt es Aug' und Ohr offen halten, denn es wird sicher gleich etwas unternommen werden! - Die neun Ertrunkenen?!«

Ende des 3. Bandes


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