Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 232

Das Gewissen und der Einfluß der Engel.

01] Hier tritt Raphael, der natürlich auch nicht schlief, zu den dreien und sagt zum Mathael: »Meinst du, wir zahllosen Engelsgeister, und hier speziell ich, stehen dem Herrn nur hier auf diesem Hügel zu Diensten?
02] Siehe, wie hier nun vor deinen Augen ersichtlich, stehen wir dem Herrn stets zu den hohen Diensten bereit und tragen Seinen Willen von einer Unendlichkeit zur andern, und sei versichert, daß wir dich in deinen Pontusgegenden ganz sicher finden und dich allzeit von allem in Kenntnis setzen werden, was dir nach der Ordnung Gottes zu wissen not tun wird! Geschehe da, was es wolle, so wirst du, wenn dein Wille bleibt, wie er nun ist, von allem dir Nötigen im Augenblick in Kenntnis gesetzt werden, und ein mehreres brauchst du vorderhand wohl nicht.
03] Würdest du aber als König in den gewöhnlichen Herrscherhochmut übergehen und dich sogestaltig abwenden vom Herrn und also auch von uns, dann freilich erführst du nichts Weiteres vom Reiche Gottes und Seiner unermeßlichen Gnade!
04] Sorge du dich sonach um nichts anderes, als daß du verbleibst in der Gnade und vollen Liebe des Herrn, - alles andere wird dir von selbst hinzufallen!
05] Hättest du dich von allem, was der Herr noch in der Folge auf dieser Erde persönlich wirken wird, selbst überzeugen können, und würdest dich aber dann doch in irgendeiner Art von der Welt verlocken lassen, so nützte dir dann alles das Gesehene und Gehörte ebensoviel, als hättest du nichts gesehen und gehört! So du aber fortan bleibst in der Gnade und Liebe des Herrn dadurch, daß du dich von der Welt nicht blenden läßt, sondern den Herrn gleichfort liebst über alles und alle deine Nächsten wie dich selbst, so wirst du, und wärst du auch in der fremdesten und entferntesten Welt, dennoch in alles eingeweiht werden, was der Herr irgend tun wird, - inwiefern das zum Heile deiner Seele erforderlich ist. Denn gar alles, was der Herr in der ganzen Unendlichkeit will und anordnet, ist für das Heil deiner Seele gar nicht notwendig!
06] Siehe, der Herr ordnet auf jeder der zahllosen Welten stets etwas an, was dort zu geschehen hat; aber solches taugt eben nur für jene Welt, für die es angeordnet ist, und das taugt für das Heil deiner Seele gar nicht! Auch hat der Herr für den Bestand dieser Erde stets so manches anzuordnen, das dich auch nichts angeht; was Er aber anordnen wird zum Seelenheile der Menschen, davon wird dir nichts vorenthalten werden! - Bist du damit zufrieden oder nicht?«
07] Sagt Mathael: »Mein erhabener Freund aus den Himmeln Gottes! Ich bin damit vollauf zufrieden und brauche nichts mehr als das einzige nur, daß ich von dir ermahnt werde, so ich durch manche Verhältnisse vom Herrn und von Seiner Ordnung nur irgend im geringsten abwiche! Denn ein Stupfer zur rechten Zeit ist mehr wert als eine Welt voll der größten Schätze!«
08] Sagt Raphael: »Auch dies würde ohne dein Verlangen allzeit geschehen sein. Denn sieh, ein jeder Mensch hat ein geistiges Organ in seinem Herzen, das uns Engeln Gottes stets offen steht und unbehindert zugänglich ist! Dieses Organ vertritt stets die einfachen Begriffe: gut-schlecht, wahr-unwahr, recht-unrecht.
09] Tust du gleichfort das Gute, Wahre und Rechte, so wird von uns der bejahende und gute Teil des Organs angerührt, und in dir entsteht dadurch das lohnende Gefühl, daß du gut und recht gehandelt und geredet hast.
10] Hast du aber irgend nicht gut gehandelt und geredet, so wird von uns das Gegenteil des Organs erregt, und es wird dich ein Bangen ergreifen und dir sagen, daß du aus der göttlichen Ordnung getreten bist. Und dieses Organ heißt in der moralischen Sprache ganz fein das Gewissen.
11] Du kannst dich auf diese Stimme gar treu verlassen, sie wird dich nie und nimmer trügen! Es müßte nur sein, daß jemand dieses Organ so abstumpfen ließe, daß es am Ende als ein zu materiell gewordenes unsere Berührung gar nicht mehr wahrnähme; da wäre es aber dann mit dem geistigen Teile des Menschen ohnehin schon so gut wie völlig verloren! Das aber wird wohl bei dir sicher ewig nie der Fall werden, weil du in der Gnade und Liebe des Herrn schon einen zu großen Vorsprung gemacht hast und der Herr dich samt deinen Gefährten ganz neu umgestaltet und organisiert hat. Deine Seele ist wohl noch die alte, in der des Herrn Liebe als Sein Geist bereits gar mächtig zu walten begonnen hat; aber dein altes, arges Fleisch ist vom Herrn umgewandelt worden, daß es nicht drücke deine Seele.
12] Du müßtest nur in deinem Herzen fest wollen vom Herrn abfallen, da würde dein Fleisch auch verwildert werden, wie dereinst das des Esau, dem wider des Vaters Willen die Jagd nach wilden Tieren mehr Vergnügen schaffte als die Wache über die zahmen Herden des Vaters. Aber bei dir ist auch eine solche Verwilderung unmöglich, weil deine Seele schon zu mächtig und allgemein vom Geiste der Liebe zum Herrn durchdrungen ist.
13] In kurzer Zeit wird deine Liebe zum Herrn durch die Tätigkeit der Nächstenliebe in die intensive Wesenheit und Form übergehen und dann mit der Seele völlig eins werden; da wirst du im Geiste und in der Wahrheit wiedergeboren sein und in die geistige Ehe mit der Urliebe in Gott eingehen und mit ihr dadurch ebenfalls eins werden.
14] Dadurch aber wird Gottes Liebe dir gegenüber auch erst wesenhaft werden und eine Form annehmen, und du wirst dann Gott allzeit schauen und sprechen können, und es wird der Herr, so wie hier leiblich nun dir sichtbar und deinem Herzen vernehmbar, dein Führer und Lehrer sein und bleiben für ewig. Und da wird es wohl keine Möglichkeit mehr sein, dich vom Herrn abzuwenden in deinem Herzen und in deiner Erkenntnis; denn da wirst du im Wollen und Erkennen als ein echter und wahrer Sohn des ewigen Vaters völlig eins sein mit Ihm. - Verstehst du solches?«
15] Sagt Mathael: »Ja, wohl verstehe ich es und bin nun ganz in allem beruhigt!«


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