Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 220

Vom Verfall der ägyptischen und indischen Weisheit.

01] Hier bittet Murel den Philopold, ihm darüber genügenden Aufschluß zu geben. Sagt darauf Philopold: »Mein Freund und mein lieber Bruder! Du hast viel erfahren und bist gekommen sogar zu den Indiern und in die Länder, die noch gar sehr weit hinter dem Ganges liegen, bis zu den Bergen, die noch keines Sterblichen Fuß betreten hat, und bist zuvor so weit nach Ägypten gekommen, wo der Nil über Felsen braust und tobt. Der alte Felsentempel von Ja bu sim bil blieb dir nicht unbekannt, und Mem'n'on- Säulen vernahmst du an einem Morgen erklingen. Du betrachtetest die alten Keilschriften, und die noch ältere Hornschrift suchtest du zu entziffern.
02] Die Lehrer von Korak hätten dir alles erläutern sollen, da du sie darum übergut bezahlen wolltest; aber sie taten es dennoch nicht, weil sie es nicht tun konnten. Denn die gegenwärtigen Weisen und Gelehrten von Ägypten sind eben kein Tau mehr von jenen, die zu den Zeiten der alten Varaonen die Gründer solcher Schulen und Tempel waren. Es geht ihnen um die alte Weisheit noch um vieles schlechter als den Schriftgelehrten und Pharisäern in Jerusalem, und noch schlimmer sind die Birmanen daran. Diese sind in einen derartigen Asketismus übergegangen, daß es eine Schande für die Menschheit ist; und was ist dieser Asketismus anders als ein unbegrenzter Hochmut einerseits und eben darum eine unbegrenzte Dummheit andererseits!?
03] Die Menschen besaßen einmal auch die rechte Weisheit, wie sie der Vater Noah besessen hatte; aber mit der Zeit, als die Familien zu einem Volke herangewachsen waren, das offenbar mehr Bedürfnisse haben mußte denn eine kleine Familie, wurden die physischen Kräfte der Menschen zu sehr in Anspruch genommen, als daß sich ein jeder allein nur mit der innersten Weisheit hätte befassen können.
04] Die Völker erwählten aus sich die Weisesten, übergaben ihnen das heilige Geschäft und verpflichteten sie, dafür zu sorgen, daß die Erkenntnis Gottes unter ihnen stets aufrechterhalten werde und die innerste Weisheit nicht verlorengehe, sondern bleibe unter ihnen und ihren Kindern.
05] Zugleich hat das Volk den Weisheitsvorstehern und -bewahrern und -pflegern das Recht eingeräumt, Gesetze nach der Weisheit zu verordnen, für deren Sanktion das ganze Volk vom ersten bis zum letzten als Bürge und Exekutor dastehe, und daß die Sünder gegen solche heiligen Gesetze auf das schärfste gezüchtigt werden sollen.
06] Am Anfange solch einer Institution ging die Sache ganz gar und hatte eine nicht unheilsame Wirkung. Aber in der Folge vermehrte sich auch die Priesterkaste und brauchte viel für ihren leiblichen Unterhalt. Da ergingen bald neue Gesetze und Anordnungen unter dem mystischen Titel 'als von Gott ausgehend'. Es fing an, von Strafen und Bußen und von allerlei wunderähnlichen Trugmitteln zu wimmeln, und auch die Lösemittel hat man nicht vergessen; wer bei der Übertretung irgendeines sein sollenden göttlichen Gesetzes von den Strafen befreit sein wollte, mußte ein kaum erschwingbares Lösegeld bezahlen. Die Armen natürlich mußten sich die Bußstrafen gefallen lassen, und das des martialischen Beispieles halber. Daß es heutigentags dort noch ärger hergehen muß, läßt sich wohl denken!
07] Und sieh, Freund, dorthin gingst du Wahrheit und die tiefste Weisheit suchen!? Daß du sie dort unmöglich finden konntest, ist begreiflich, wie auch, daß du darauf ein förmlicher Feind des Lebens werden mußtest; aber daß es dir nicht beifallen konnte, als Selbstpriester und Gelehrter der Schrift eben in der Schrift nachzuforschen, ob und wieviel Wahres und Weises darin verborgen sei, und ob man nach den Regeln der alten Prophetenschule nicht zu einer innern Lebensanschauung gelangen könne, das ist mir nun wohl ein wenig unbegreiflich!
08] Ich war zwar einesteils freilich wohl nicht um vieles besser daran mit der Erkenntnis der Wahrheit, und meine Weisheit bestand zumeist in der griechischen Philosophie, obwohl ich die göttlichen Schriften der Juden höher hielt, - aber mir fehlte die Grundwurzel, daher denn dieser herrliche Baum bei mir auch nicht Früchte tragen konnte.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers