Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 212

Die pharisäische Neuerung des vierten Gebotes.

01] Ouran ist nun ganz vergnügt und sagt, daß er noch nie so etwas wahrhaft praktisch Weises vernommen habe, und er werde diesen Rat auch stets sorgsamst befolgen. Am meisten aber verwundern sich darüber unsere Perser.
02] Jurah sagt: »Ja, das heiße ich ein wahres Licht von oben; denn dahinter ist noch nie ein Sterblicher gedrungen! Also möchte ich mir wohl alle zehn Gebote erklären lassen! Die Sache liegt so nahe und ist so klar, und wir haben sie doch nicht enthüllen können mit aller unserer Verstandesschärfe! Aber etwas muß ich dabei denn doch noch fragen!«
03] Sagt Schabbi: »Da wüßte ich wahrlich nicht, über welchen Punkt da noch eine Separatfrage zu stellen wäre!?«
04] Sagt Jurah: »Weißt du denn nicht, daß bezüglich der Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern schon lange ein neues Gesetz besteht, demnach ein Sohn oder eine Tochter besser tut, ein Opfer in den Tempel zu legen, denn zu ehren Vater und Mutter?! Dies neue Gesetz hebt zwar das alte nicht auf, aber es stellt ein besseres Mittel zur Erlangung der Mosaischen Verheißung dar, als da ist das Mosaische Gesetz selbst. Ich möchte aber eben, weil die außerordentliche Gelegenheit sich nun so wunderbar gefügt hat, mit dem Urgesetzgeber Selbst zu reden, erfahren, was der Herr zu solchem neuen Gesetze sagt!
05] Einesteils, wenn ein Kind gar schlechte und verworfene Eltern hat, scheint mir dies Gesetz ganz am rechten Platze zu sein; aber wenn ein oft von Natur aus leichtfertiges Kind gar gute und würdige Eltern hat, die von ihren Kindern wohl vor Gott und allen Menschen alle Achtung, Liebe und Ehre verdienen, da scheint mir dieses gut zu templisch habsüchtig aussehende Gesetz wieder durchaus nicht am rechten Platze zu sein. Das ganze Gesetz hat einen stark menschlichen Geruch, und es schaut da ganz blutwenig Göttliches heraus; aber da ist irgend wieder ein Gesetz, welches da sagt: 'Die da sitzen auf den Stühlen Mosis und Aarons, die sollet ihr allzeit anhören und tun, was sie euch gebieten!'
06] Dies Gesetz ist aber auch ein rechtes Kamel, auf dem die Pharisäer schon gar manche falsche und schlechte Ware als eine echte in den Tempel hineingeschwärzt haben, und das Volk muß sie für den hohen Preis seiner moralischen Freiheit als vollkommen echt erkaufen. Das ist eine schlimme Sache, und mir kommt so ein nur gewissen Menschen das ausschließende Privilegium (ausschließliche Vorrecht) gebendes Gesetz wie ein höllisches Loch vor, durch das der Satan stets Eintritt ins Heiligtum erhält; denn diese privilegierten Heiligen übernehmen sich, werden anfangs gewisserart frommstolz mit einer Hülle von heiligem Prophetennimbus umdunstet, später aber dann im vollsten Ernste herrscherisch und übertyrannisch, hochmütig und über alle Maßen stolz, - sitzen aber noch auf den Stühlen Mosis und Aarons! Ich aber meine, Bruder, - weißt du, so unter uns gesagt! - da könnte dann schon gleich lieber der Satan selbst diese heiligen Stühle in Beschlag nehmen! Und von solchen wahren Stellvertretern des Satans auf den Stühlen Mosis und Aarons sind viele böse Menschensatzungen an die Stelle der allgöttlichen getreten, und wir mußten sie speisen, weil das kamelähnliche Höllenlochgesetz befiehlt, die zu hören, die auf den heiligen Stühlen sitzen, und zu tun, was sie gebieten.
07] Ja, das Gesetz an und für sich wäre wohl ganz in der Ordnung, wenn man die Versicherung hätte, daß auf den heiligen Stühlen allzeit nur die allerwürdigsten Nachfolger Aarons und Mosis predigen würden; aber welch ein wahres Drachenvolk ist nicht schon auf den heiligen Stühlen gesessen und hat von selben nicht selten die empörendsten Gesetze dem sehenden Volke wie einen scharfen Sand in die offenen Augen geschleudert, daß es darauf zum größten Teile erblinden mußte! Und solche, allen Wahnsinn übersteigenden Gesetze bestehen dann zur größten Qual der Menschheit fort, und niemand getraut sich mehr, dieses Joch abzuschütteln. Da fragt denn doch am Ende die reine Vernunft, ob Gott etwas davon wisse, oder ob es überhaupt einen Gott gibt, der solch einen Greuel in Seinem Heiligtume ansehen kann!
08] Nun, darüber so eine Aufhellung von Ihm Selbst würde unsereinem denn doch wohl den reinsten und wahrsten Sachverhalt zu zeigen im allerbesten Stande sein, und ich möchte darum nun geradewegs eine Frage an Ihn stellen! - Was meinst du, soll ich's wagen oder nicht?«


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