Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 210

Jarahs Zukunft.

01] Nun kam unser alter Gastwirt Markus und sagte zu Mir: »Herr und Meister, das Abendessen ist bereitet; so es Dir genehm ist, da will ich es sogleich auf die nun wieder ganz hergestellten Tische stellen lassen!?«
02] Sage Ich: »Tue das, denn heute habe sogar Ich einen ganz tüchtigen Hunger schon und freue Mich auf einen guten Fisch, auf ein gutes Stück Brotes und auf einen reinen und guten Wein!
03] Deine beiden Söhne aber sollen noch einmal ins Meer an den Ufern einen Blick tun! Es schwimmen noch längs den Ufern einige Leichname herum; es sind etliche arme Juden mit ihren Weibern und Kindern. Ich will nicht, daß sie, da Ich hier weile, und auch niemand anderer den Tod finden solle. Das Meer ist ruhig wie ein Spiegel, und die Sterne leuchten heute besonders helle. Deine Söhne werden dies Geschäft leicht vollbringen, und das um so mehr, da sie von den hier weilenden Schiffern des Kisjonah, des Ebahl aus Genezareth und von den Schiffsleuten des Kornelius gar wohl unterstützt werden können. Bei neun Personen schwimmen an den Ufern in der äußersten Entfernung von anderthalb Stunden Weges zerstreut, diese sollen sie hierherbringen; allda aber müssen sie dann mit den Gesichtern nach abwärts gekehrt über einen etwas abhängigen Boden gelegt und dann also bis an den Morgen liegend gelassen werden! Morgen will Ich sie dann erst erwecken!«
04] Fragt Markus: »Herr, warum denn nicht heute schon, warum erst morgen?«
05] Sage Ich: »Das, Freund Markus, kümmere dich nicht! Ich weiß es, warum das Gras, das erst im künftigen Jahre die Wiesen grün färben wird, nicht schon in diesem Jahre gewachsen ist! Daher kümmere dich das ja nicht, denn da verstehe Ich die Ordnung schon um vieles besser denn du, Mein liebster Markus! Gehe nun und mache, daß alles in der Ordnung vollbracht wird, was da zu vollbringen ist!«
06] Der Markus geht und schafft sogleich, die Speisen auf die Tische zu tragen, und sagt auch den Söhnen ihr Geschäft, die sogleich einen großen Kahn besteigen und die anderen vorher benannten Schiffer um ihre Mithilfe angehen.
07] Wir aber verlassen unsern Platz und begeben uns an unsere Tische, die in der schon bekannten Ordnung in Beschlag genommen werden; die drei ins Leben Zurückgerufenen samt dem Weibe aber kommen ins Haus des Markus, allwo sie Speise, Trank und darauf ein gutes Nachtlager bekommen, - und das alles nach Meinem Willen, um sich für den Morgen zu stärken.
08] Als wir uns zu den Tischen begeben, da erst fangen die Bewohner der Ouranischen Zelte an, auch ans Tageslicht hervorzugehen und sich auch nach den für sie bestellten Tischen umzusehen.
09] Hier zupft Mich die Jarah und sagt: »Herr, Du meine stets mächtigere Liebe, dort siehe hin, wie die mutigen Kämpfer um Dein Reich sich nun erst aus ihrem Verstecke, vom Hunger getrieben, ins Freie zu schleichen anfangen! Wahrlich, darunter gibt es bis auf den Mathael ganz entschieden blutwenig große Geister! Ach, es war vor dem Sturme doch gut zu komisch anzusehen, wie der Anblick der erstgefallenen, wohl pfundschweren Hagelkörner die fünfzig Pharisäer mit der größten Hast in die großen Zelte getrieben hat!
10] Sie wußten so gut wie ich, daß Du der sicherste Schutzgeber gegen jegliches Ungemach bist, und dennoch wurden sie kleingläubig und sehr zaghaft und suchten einen materiellen Schutz. Nun schämen sie sich offenbar, daß sie solches getan haben, und getrauen sich nun Dir, o Herr, wie es mir scheint, nicht recht unter Deine Augen zu kommen! Nun, der Mathael, der wäre mit seinen Gefährten schon geblieben; aber er mußte wohl seiner jungen, überschönen königlichen Gemahlin folgen. Dem ist es also meines Erachtens zu verzeihen; aber bei den andern war bloß ihr schwaches Vertrauen und ihre Kleingläubigkeit schuld, und ich kann sie darum nicht sehr achten.«
11] Sage Ich: »Hast wohl recht, Mein Töchterchen; aber lassen wir sie, die da noch schwach in einem und dem andern sind, - die Zeit und mehrfache Erfahrung wird sie schon noch stärker machen in allem! Bedenke, wieviel du an Meiner Seite schon erfahren hast, und du kannst darum schon leicht mehr Mutes besitzen; diese aber haben noch wenigeres erfahren, und es war darum ihre Furcht leicht größer denn ihr Vertrauen. In der Folge aber werden sie schon auch vertrauensvoller dastehen. - Fassest du solches?«
12] Sagt Jarah: »Ja, das fasse ich wohl; aber das weiß ich auch, wie in Genezareth alle mit mir gleich vieles erfahren haben, und dennoch getraute sich anfangs niemand, außer mir, mit Dir aufs blanke Wasser zu treten, nicht einmal Deine Jünger! Worin lag denn hernach da das geringere Vertrauen?«
13] Sage Ich: »Wieder doch in deinen größeren Erfahrungen; denn dich trug Mein Engel sichtlich auf seinen Händen, und du machtest Erfahrungen, die bis jetzt noch kein Mensch gemacht hat. Und dazu hattest du wohl die größte und mächtigste Liebe zu Mir, in der wohl auch stets das größte Vertrauen waltet.
14] Darum wundere dich darob nicht zu sehr, dieweil dein Vertrauen zu Mir stärker ist denn das der übrigen Menschen; denn das gibt dir deine große Liebe!
15] Aber, wie Ich dir schon in Genezareth bemerkt habe, so werden in etlichen Jahren auch über dich noch so manche Versuchungen kommen, mit denen du trotz des größten Vertrauens zu Mir zu kämpfen haben wirst. Aber durch die Kraft und Macht Meines Namens wirst du alle Versuchungen zu Boden schlagen und wirst von da an erst frei wandeln in Meinem Lichte.
16] Denn was ein Mensch aus Mir für sich frei haben will, das muß er sich: durch die eigene Kraft erkämpfen! Du, Mein liebstes Töchterchen, hast bis jetzt keinen eigentlichen Kampf bestanden, und es war dazu die eigentliche Zeit und die wahre Gelegenheit nicht da; das alles wird jedem Menschen erst werden, so Mein Tagewerk auf dieser Erde vollendet sein wird.
17] Ich bin nun nur Sämann und lege das gute Weizenkorn in den lebendigen Acker eurer Herzen. Der Same wird da erst keimen und dann zur segensreichsten Fruchtbringung aufgehen; dann erst werdet ihr für euch selbst die Frucht auf eurem eigenen Lebensboden zu pflegen haben mit mancher Mühe und Selbstverleugnung! Wohl dem, der die Frucht, die Ich in sein Herz gesät habe, rein und reichlichst in die von Mir in ihm errichteten Scheuern Meines Geistes bringen wird! Wahrlich, den wird es fürder ewig weder hungern noch dürsten!
18] Also, was du, Meine liebste Jarah, nun hast, ist nur der von Mir in dein Herz gelegte Same. Nach etlichen Jahren wird er als ein wogendes Saatfeld dastehen und allerlei Stürmen ausgesetzt sein; aber da heißt es dann kräftigst und volltrauigst durch Meinen Namen und durch große, sich selbst ganz verleugnende Liebe zu Mir das wogende Saatfeld vor den drohenden Stürmen bewahren, daß sie nicht zum verderblichen Ausbruche kommen und zugrunde richten das herrliche Saatfeld, das Ich Selbst bestens bebaut habe! Denn ist über ein solches Feld einmal ein verheerender Sturm ausgebrochen, da ist es nahe unmöglich, ihm einen Einhalt zu tun.
19] Du wirst dich wohl noch auf die etlichen Wochen zurückerinnern, wie Ich dir in Genezareth ein Gärtchen angelegt habe und habe es bestellt mit allerlei nützlichen Pflanzen!? Die Pflanzen wachsen gut und sehr üppig; aber das Gärtchen und die Pflanzen müssen gepflegt, das Unkraut, so es irgend aufschießt, muß ausgerottet werden, und so es sehr heiß und trocken wird, darf die Gießkanne nicht außer acht gelassen werden.
20] Und siehe, ein ähnliches Gärtchen habe Ich auch in deinem Herzen angelegt und habe es reichlichst bestellt mit allerlei nützlichen Gewächsen; die Wertung und weitere Pflege dieses Gärtchens ist nun schon dir allein anheimgestellt. Habe alle Aufmerksamkeit und allen Fleiß auf die Wertung und Pflege dieses Gärtchens, so wirst du jüngst aus ihm eine reiche Ernte machen! - Verstehst du wohl dieses Bild?«
21] Sagt die Jarah: »Ja, Herr, Du meine alleinige Liebe, ich verstehe es ganz, möchte aber darob wohl etwas traurig werden, weil ich noch so manche Stürme bis zur Ernte soll zu bestehen haben! Aber ich hoffe und glaube: Du wirst Deine arme Magd nicht zugrunde gehen lassen, so sie in einer Not zu Dir um Hilfe rufen wird; denn Du hast ja mein Flehen gehört und erhört, als ich Dich nicht gesehen und erkannt habe wie nun!«
22] Sage Ich: »Alle, die Mich erkennen und anrufen im Herzen und vertrauen auf die Macht Meines Namens, werden ewig nie zu Schanden und Schaden kommen; des kannst du vollauf versichert sein! Aber nun heißt es zu den Tischen sich setzen und essen, was da aufgesetzt ist!«


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