Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 200

Vom voreiligen Vertrauen.

01] Nun komme Ich abermals zu den Persern und sage, Mich hauptsächlich an den Schabbi wendend: »Nun, was habt ihr unterdessen ausgemacht? Hältst du Mich noch für einen schlauen Fuchs, der Ich nur darauf hinausginge, euch alle wegen des von den Römern gefürchteten Messias der Juden als strafbar in die unerbittlichen Hände der nunmaligen Weltbeherrscher zu liefern? Sehe Ich denn im Ernste solch einem verworfenen Verräter ähnlich?«
02] Sagt Schabbi, ein wenig verlegen: »Guter, erhabener Freund! Das Gesicht ist wohl zumeist ein Spiegel der Seele, - aber nicht immer! Ich habe einen Menschen gekannt, dessen Äußeres vollkommen einem allersanftesten und treuherzigsten Engel also glich wie ein gesunder Augapfel dem andern, und doch war das nur eine natürliche Maske, da eben der erwähnte Mensch seinem Gemüte nach ein vollendeter Satan in optima forma (im höchsten Grade) war! Dieser Mensch war wegen seiner schönen und sanften Gestalt sogar ein Günstling des Hofes und war auch in allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften aufgeklärt wie ein schönster Frühlingsmorgen; aber sein Gemüt war schwärzer und finsterer als der erdichtete Styx (Styx = in der griech. Sage Fluß der Unterwelt.) der Heiden! Wehe jedem, der sich ihm je freundlich genähert hatte! Verloren war ein jeder! Das Weibervolk lief ihm wie besessen nach, obschon ihm jedes Weib, das sich ihm genaht hatte, so sicher als ein Schlachtopfer verfiel, als ein Regentropfen, den die Wolke nicht mehr halten kann, auf die Erde niederfällt! Aber er war stets der unschuldigste, sanfteste und reinste Mensch! Überall bewirkten alles nur unvorhergesehene Umstände; merkwürdig war es nur, daß die unglücklichen Umstände ihm selbst nie an den Leib konnten. Er kam überall mit ganz heiler Haut davon; nur die sich ihm genaht hatten, bekamen stets die schwerste Last auf Leben und Tod von den bösen Umständen zu verkosten! Oh, für seinen König war er der getreueste Diener, aber für jeden Untergebenen ein ganz wunderlieblicher Teufel!
03] In der Königsstadt hatte ein reicher Grieche, der sich aber zu unserem Glauben bekehren ließ, ein junges, wunderschönes und gar enorm liebliches Weib, das ihrem Manne so treu ergeben war wie diese meine rechte Hand meinem Leibe und dem Willen meines Herzens. Es dauerte aber gar nicht lange, daß der anmutige Satan von einem Menschen Kunde von dem schönen Weibe erhielt und alsbald seine Wege danach einrichtete, auf denen er vom Weibe bemerkt wurde. Der Zufall wollte, daß der Grieche einmal mit einem echten Perser von Geburt und Sitte wegen einer verweigerten Rückzahlung einer ganz bedeutenden und vollrechtlichen Schuld, die der Perser bei unserem Griechen gemacht hatte, in widerliche Klagehändel geriet. Der Perser hatte seine gleichgesitteten Landsleute zu seinen Schiedsrichtern, und so konnte unser Grieche kein Recht über den treulosen und wortbrüchigen Perser erlangen. Da sagte einmal das Weib, das wohl wußte, daß jener schöne Höfling seine Augen schon öfter auf sie hatte fallen lassen: »Wie wäre es denn, so wir etwa durch den schönen Höfling beim Könige für unser gutes Recht einen Schutz erwirkt fänden?« Der Grieche sagte: »Ja, ich weiß es, daß er dir oft nachsieht mit sehr begehrlichen Augen, und es möchte ein Wort von dir oder mir viel vermögen, und steckte dahinter auch nichts als Entgelt denn eine total blinde Hoffnung; aber man hört von diesem schönen Höfling durchaus nichts Gutes! Ja, es wäre sogar besser, unter seiner Feindschaft als Freundschaft zu stehen! Wer sich mit ihm in einen noch so freundlichen Verkehr eingelassen hatte, kam ohne weiteres in ein großes Unglück! Mir scheint darum der Verlust unserer Forderung ein kleineres Übel zwischen den zweien zu sein, und wir werden besser tun, das erstere und kleinere Gott dem Herrn zum Opfer zu bringen.«
04] Damit war auch das schöne, junge Weib ganz einverstanden. Aber kurze Zeit darauf kam unser Höfling selbst ins Haus zu unserem Griechen, um sich da etwas anzukaufen; denn unser Grieche ist Juwelenhändler und Fasser der Edelsteine in Gold und Silber. Er tat da gar freundlich und zärtlich und flößte dem Griechen Vertrauen ein, obwohl nun das Weib ganz gut bemerkte, daß es ihr unwillkürlich bange vor diesem gar liebfreundlichen und sonst höchst großartig splendiden und äußerst freigebigen Menschen war; denn es sei ihr noch nie vorgekommen, daß ein Mensch den ersten ausgesprochenen Preis für ein Juwel, ohne etwas vom selben herabzuhandeln, sogleich ausbezahlt hätte. Da stecke etwas anderes dahinter!
05] Der Grieche, darob ganz guter Dinge, sagte: »Ah, dieser Mensch muß bloß wegen seiner Schönheit und Bescheidenheit und wegen seines Glückes bei Hofe eine Menge Neider haben, die ihn als ein scheußlich Wesen ruchbar und dem Hofe verdächtig zu machen suchen; er spricht doch so nüchtern und weise wie ein Prophet! Wahrlich, hinter diesem Menschen kann kein Arges stecken!« Es währte nicht lange, und unser Höfling kam wieder zu unserem Griechen und kaufte einen großen Diamanten, in Gold gefaßt, für seinen Turban, den ihm der König gegeben hatte. Der Preis des Diamanten war hundert Pfunde Goldes, die der Höfling auch sogleich erlegen wollte; denn er hatte stets ein großes Gefolge, das ihm die nötigen Schätze nachzutragen hatte. Aber der Grieche sagte zu ihm: »Schönster, weisester und höchst erhabener Freund, verhilf du mir zu meinem Bargelde, das ich von dem N. N. (N. N. = nomen nescio = den Namen weiß ich nicht.) zu fordern habe, - und diese kostbare Agraffe ist bezahlt! Dein Wort vermag alles beim großen Könige; ich werde dir dankbar sein!«
06] Da sagte der Höfling: »Morgen soll dir dein gutes Recht tatsächlich werden; dessenungeachtet aber nimm du hier das Gold für dein Juwel! Aber da ich dir ohne alles Interesse einen großen Dienst erweise, verlange ich von dir nur einen kleinen Gegendienst. In sieben Tagen veranstalte ich als am Geburtstage des großen Königs ein großes Fest im großen Paradiesgarten, und ich lade dich zu diesem Feste ein, und du erscheinst mit deinem Weibe in wohlgeschmückter Kleidung; ich werde dich da dem großen König vorstellen und dich samt deinem Weibe bringen an des Königs Tafel, allwo du und dein Weib euch dann eine Menge Gnaden erbitten könnt!«
07] Dem Griechen war das sehr recht, da er schon lange gerne Hofjuwelier geworden wäre. Doch das Weib bemerkte: »Wir können nun die Sache nicht mehr ändern; aber es wird da sehr wenig Gutes herausschauen, weder für dich und noch weniger für mich! Dieser Mensch hat üble Absichten auf mich; und dir kann es geschehen, daß du an meiner Seite geopfert wirst! Am besten wäre es, wir packten alles zusammen und flöhen mit Windesflügeln von dannen, bevor der unglücksschwangere siebente Tag herankommen wird!«
08] Der Grieche aber sagte: »Liebes Weib, Vorsicht ist gut; aber ein zu großes Mißtrauen gegen Menschen hegen, die einem noch nie irgendeinen tätlichen Anlaß dazu gaben, und von denen man auch nichts anderes weiß, als was da böse Zungen über sie erfunden und arg ausgebrütet haben - eine Sache, die einem Ehrenmanne zunächst begegnen kann -, ist ebenso unklug als ein verwerflicher Leichtsinn!« Das zarte Weib begnügte sich mit dieser recht vernunftvollen Zurechtweisung. Am nächsten Tage mußte der schuldige Perser dem Griechen den letzten Stater bezahlen.
09] Der verhängnisvolle siebente Tag kam wie ein eisernes Schicksal herbei, und man begab sich festlichst geschmückt ins Paradies des Königs. Da war alles Flamme und Licht; von allen Seiten strahlten Gold und Edelsteine ärger denn die hellsten Sterne vom nächtlichen Himmel, und Musik und Gesang durchschwirrten die dichten Laubengänge des großen Gartens. Die beiden durften aber nicht lange harren, als sie von unserem Höfling entdeckt und sogleich im großen Gartentempel dem Könige vorgeführt und vom selben freundlich aufgenommen wurden. In der Mitte des großen Säulentempels waren Tische und seidene Polster in großer Menge und unsäglicher Pracht angebracht, und auf den Tischen standen große Goldschüsseln voll der besten Speisen, und in großen Kristallbechern blinkte köstlichster Wein und noch eine Menge anderer gewürzhafter Getränke.
10] Unser Grieche mußte an einem Tische neben dem großen Königstische Platz nehmen; aber sein schönes Weib ward an den Königstisch gezogen. Man aß und trank eine Zeitlang ganz gemütlich. Unser Grieche aber fing an, sich bald sehr unwohl zu fühlen; denn er bekam einen Trank, der mit Gift gemengt war, und mußte in sein Haus geschafft werden. Das Weib aber ward in des Königs Gemächer gebracht und mußte alldort alles auf Leben und Tod mit sich machen lassen, so lange, bis man ihrer satt ward. Der Grieche starb zwar an dem Gifte nicht, blieb aber ein lahmer Mensch bis zur Stunde; und wie aussehend und zugerichtet aber das arme Weib erst nach sieben Tagen nach Hause kam, kann sich ein jeder leicht denken!
11] Das war die Frucht eines zu vorschnellen Zutrauens zu einem Menschen, dessen Äußeres jedermann alles Vertrauen einflößte, während sein Herz von einer ganzen Rotte der ärgsten Teufel bewohnt war. Die beiden aber, die das erlebt haben vor einer nicht gar zu langen Zeit, sitzen ihrer Schwäche halber dort etwas seitwärts und können das, was ich nun erzählt habe, mit ihrer höchst eigenen Zunge bestätigen! Freund, wenn man solche Dinge erlebt hat, dann weiß man etwa wohl, warum man vorsichtig ist!«


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