Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 177

Die Würde der menschlichen Willensfreiheit.

01] Sage Ich: »Ja, höre du Mein Liebster! Das ist eine Sache der höchsten Notwendigkeit auf jenem Weltkörper, auf dem die Menschen bestimmt sind, aus sich selbst heraus zu wahren Gotteskindern zu werden!
02] Die geringste geistige, von Mir ausgehende Beschränkung des freiesten Willens würde solche Meine Absicht ganz zunichte machen!
03] Darum muß hier (auf der Erde) gleichfort für die Ergreifung jedes erdenklichen Lasters bis tief unter die ärgste Hölle hinab, so wie auch für die Ergreifung der höchsten Tugend bis über alle Himmel hinaus, der freieste Entwicklungsraum vollkommenst gestattet sein, ansonst ist es mit dem Werden der Kinder Gottes auf dieser dazu bestimmten Erde nichts!
04] Und darin liegt ja eben der geheime Grund, warum selbst die wundervollste Gotteslehre mit der Zeit in den schmutzigsten Kot hinuntergetreten wird!
05] Niemand wird von Meiner Lehre sagen können, daß sie nur irgend etwas Unnatürliches, Unbilliges und Unmögliches verlange; und doch werden sich mit der Zeit solche Härten und Unausführbarkeiten einstellen, die dem ganzen Umfange nach kein Mensch wird zu beachten imstande sein.
06] Man wird da im übertriebenen Eifer Menschen zu Hunderttausenden hinschlachten, ärger denn die wildesten Waldbestien, und wird der Meinung sein, Gott einen äußerst angenehmen Dienst zu erweisen.
07] Ja, Ich Selbst werde Mich von den Menschen, so sie es wollen, müssen gefangennehmen und am Ende sogar dem Leibe nach töten lassen, um eben dadurch den Menschen den freiesten und höchsten Spielraum ihres Willens zu geben; denn erst aus dieser höchsten und allerunbeschränktesten Freiheit heraus sind dann die Menschen dieser Erde vollkommen in den Stand gesetzt, sich zu den wahrsten und Gott in allem vollkommen ähnlichen Kindern und Selbstgöttern zu erheben.
08] Denn wie Ich Selbst nur durch Meine allerunbeschränkteste Willenskraft und Macht Gott bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, ebenso müssen es auch die Kinder Meiner Liebe werden für ewig!
09] Um aber das zu werden, ist eben jener geistige Bildungsvorgang vonnöten, der dir noch durchaus nicht munden will. Aber denke du nur so ein wenig nach, und du wirst es finden, daß es da unmöglich anders sein kann!
10] Wo das Höchste zu erreichen ist, muß auch das Niederste vorhanden sein!«
11] Hier denkt Kornelius ein wenig nach und sagt nach einer Weile: »Ja, ja, Herr, es fängt ein wenig an zu dämmern in meiner Brust! Ich sollte die Sache wohl begreifen; aber es gibt noch so manche Wolken und Nebel, durch die meine Seele noch keinen rechten Schein bekommt. In gewissen Augenblicken gewahre ich aber doch, daß es in mir heller wird, und da begreife ich so manches, und so begreife ich nun auch das gerade also, daß es mir nicht möglich wäre, dagegen irgendeinen Zweifel zu erheben; aber daß ich in voller Klarheit in dieser bisher wohl niemandem bekannten Weisheitssphäre zu Hause wäre, von dem ist bei mir noch lange keine Rede!
12] Du, o Herr, könntest mir wohl auch in dieser Sphäre ein nur etwas mächtigeres Lichtlein in mein Herz stellen!«
13] Sage Ich: »Das könnte Ich wohl, - aber dann wäre das stärkere Licht nicht dein, sondern pur Mein Werk und somit etwas Fremdes in dir; du brauchtest dann nicht zu suchen, nicht zu bitten und nirgends anzupochen.
14] Ich aber will es, und muß es also wollen, daß ein jeder Mensch auf dem von Mir vorgezeichneten Wege fortschreitet und sich mit eigener Mühe und Aufopferung das erwirbt, dessen er für hier und für jenseits bedarf, ansonst er nie vollauf selbsttätig und eben darum auch nie selbständig werden könnte.
15] Volle Selbständigkeit aber ist zur möglich höchsten Seligkeit eines der allernötigsten Stücke.
16] Siehe an einen noch so gut gestellten Diener! Er hat bei seinem Herrn nahe alles, was sein höchst vermögender Herr hat; er kann die besten Speisen genießen und trinken den Wein von seines Herrn gastlichem Tische. Macht sein Herr Reisen zu Wasser oder zu Land, so nimmt er seinen Diener mit, und was da der Herr genießt, das genießt auch sein Diener. Aber dennoch ist die Seligkeit beider verschieden.
17] Der Diener denkt sich oft: 'Ich habe einen guten Herrn, und er verlangt nichts von mir, das ich unbillig nennen könnte, und ich bin sehr geachtet und gut gehalten; aber so ich mich doch irgend einmal übernähme, da könnte er zu mir dennoch sagen: ,Mein Knecht, ich hielt dich wie meinen eigenen Sohn und verlangte darum nur einen leichten und billigen Dienst von dir. Aber du übernahmst dich und fingst an, einen Herrn zu spielen; darum kann ich dich nicht mehr als einen Diener gebrauchen. Verlasse darum mein Haus!' Da müßte ich gehen und wäre dann ein Bettler; aber mein Herr bliebe der Herr seiner vielen Güter.<
18] Siehe, du Mein Freund, dieser Gedanke verleidet dem Diener gar oft seine Seligkeit! Aber der Herr ist wahrhaft glücklich - ob er schon seinen treuen Diener sehr liebhat, so darf es ihm dennoch nie bange sein, so ihn dieser verließe; denn für diesen einen bekommt er leicht Hunderte. Er bleibt der hochbegüterte Herr und selbständige Eigentümer von sehr vielen Gütern und unermeßlichen andern Schätzen. Seine Glückseligkeit kann daher nicht getrübt werden, während die zufällige des Dieners in jedem Augenblick einen Garaus bekommen kann. Und siehe, ebenso verhält es sich hier!
19] Solange Ich als allen Lebens und allen Lichtes Herr euch in einem fort Leben und Licht einhauchen muß, seid ihr nur Meine Knechte und Diener; denn Ich kann euch das Leben und das Licht erhalten so lange, als Ich allein es will. Woher wollet ihr dann Licht und Leben euch verschaffen?! Muß nicht schon der Gedanke an die Möglichkeit des nun Gesagten eine ganz bedeutende Bangigkeit in dir erwecken?!
20] Wo aber in einem Gemüt noch irgendeine Angst, Furcht und Bangigkeit erweckt werden kann, da ist von einer vollkommenen Seligkeit unmöglich irgendeine Rede!«


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