Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 111

Das Vereinigtsein mit Jesus.

01] Sagt endlich Helena, die sich von ihrer zu großen Herzensfreude ein wenig erholt hatte: »O ja, ich habe das alles wohl verstanden; denn Deine Worte haben alle Licht, Kraft und Leben und entströmen Deinem heiligen Mund so hell und klar wie die reinste Quelle der Trift eines Hochgebirges, erleuchtet von der Morgensonne. Aber was soll ich tun, um mein Herz nur um ein weniges mehr zu beruhigen!? Herr, töte mich, wenn ich frevle; aber meine Liebe zu Dir überschreitet nun alle meine Lebensgrenzen! Oh, laß doch nur zu, daß ich Deine Hand anrühre!«
02] Sage Ich: »O tue das immerhin! Was dir dein Herz aus seiner Tiefe heraus gebietet, das tue du, und es wird das nie gefehlt sein; dessen kannst du vollends versichert sein!«
03] Hierauf ergriff die Helena Meine linke Hand und drückte sie mit aller Gewalt an ihr Herz, weinte abermals vor noch größerer Freude und sagte schluchzend: »Oh, wie glücklich müssen die sein, die immer um Dich, o Herr, sein können! O könnte doch auch ich also stets um Dich sein!«
04] Sage Ich: »Wer im Herzen bei Mir ist, um den bin Ich immer, und er ist auch immer um Mich, und darin liegt eigentlich die Hauptsache! Denn was nützt es einem, der wohl persönlich nun auf dieser Erde stets um Mich ist, sein Herz aber dennoch stets ferne von Mir hält und es lieber an die tolle Welt hängt?! Wahrlich, der ist dennoch entfernter von Mir als alles, was du dir nur immer am allerweitesten entfernt denken kannst!
05] Wer aber im Herzen Mir so nahe ist wie du, Meine lieblichste Helena, der ist und bleibt Mir auch dann stets gleich nahe, so Mich äußerlich erscheinlich noch ein viele tausend Male größerer Raum von ihm trennte, als der da ist zwischen uns nun und dem letzten und kleinsten Sterne, den dein Auge auf Augenblicke nur aus der endlosen Ferne herabschimmernd erblickt.
06] Ja, Ich sage es dir, wer Mich liebt wie du und lebendig glaubt, daß Ich es bin, auf dessen Darniederkunft die Väter harrten, der ist also völlig eins mit Mir, wie Ich, wie du Mich hier fühlst, völlig eins bin mit Meinem Vater im Himmel! Denn die Liebe vereinigt alles; Gott und Geschöpf werden eins durch sie, und kein Raum kann das mehr trennen, was die wahre und reine Liebe aus der tiefsten Tiefe der Himmel heraus vereinigt hat.
07] Durch deine Liebe wirst du also stets in der nächsten Nähe um Mich sein, wenn dich auch in dieser Welt auf eine kurze Zeit der Raum von Meiner Person trennen wird; einst aber, drüben in Meinem Reiche des reinsten Geistes und der vollsten Wahrheit, wirst du dann ohnehin ewig nimmer von Mir getrennt werden! - Hast du, Meine lieblichste Helena, nun das Gesagte wohl so ein wenig verstanden?«
08] Sagt Helena: »Wie sollte ich das nicht!? Denn es ist nun in mir ja also licht und hell, als wäre in mir eine wahre Sonne aufgegangen, und es kommt mir darum auch alles überhell verständlich vor, was Du, o Herr, zu mir redest, und mein Herz faßt Deiner Rede tiefsten Sinn.-
09] Aber nun kommt eine andere hochwichtige Frage aus einem noch nicht ganz völlig erleuchteten Winkel meines Herzens, und diese lautet: Wie wirst du denn je Dem danken können, der dich denn nun mit einer so überschwenglichen Gnade über alle die Maßen überhäuft hat? Die noch so mächtige Liebe kann ja doch nicht als ein Dank gelten; denn sie ist ja selbst, wie das ganze Leben, ein Gnadengeschenk von Dir! Welch ein Opfer und welche Deiner würdige Gegengabe kann ich als Geschöpf Dir, meinem Schöpfer, als den gebührendsten Dank für so viele unschätzbare Gnaden darbringen? Siehe, o Herr, da ist es bei allem Sonnenlichte in meinem Herzen dennoch dunkel, und es will sich keine Antwort auf solch eine höchst wichtige Frage finden lassen! O Herr, möchtest Du da nicht auch durch ein gnädiges Wörtlein meinem Herzen aus der Verlegenheit helfen?«


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