Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 104

Das siebente, achte und neunte Zeichen des Tierkreises.

01] (Mathael:) »Höre denn! Nach dem Krebse ersehen wir den 'Löwen' im großen Zodiakus. Wie kommt denn diese wilde Bestie unter die Himmelszeichen? Ganz ebenso natürlich wie alles andere, das wir bis jetzt haben kennengelernt!
02] Nach der Krebsjagd, die ihre dreißig Tage anhielt und manchmal auch einen oder zwei Tage darüber - weil bei den alten Ägyptern nicht der Fischmonat (Februar), sondern der Krebsmonat (Juni) als Ausgleichungsmonat bestimmt war -, fing eine andere Kalamität an, die den Alten sehr viel Sorge und Kummer machte. Um diese Zeit werfen die Löwen gewöhnlich ihre Jungen und sind da, voll Hungers, am meisten auf den Raub bedacht und ziehen weit und breit über Wüsten, Berge und Täler in Gegenden hin, wo sie irgend fette Herden wittern.
03] Da des Löwen Vaterland eigentlich das heiße Afrika ist, auch das Hinterägypten schon häufig von diesem Tierkönige beherrscht wurde, so ist es begreiflich, daß es ihm gar nicht schwer war, bis nach Mittel- und Unterägypten vorzudringen und dort Verheerungen unter den friedlich weidenden Herden anzurichten. Wie die Wölfe eine große Kälte in die von Menschen bewohnten Gegenden treibt, ebenso treibt des Julius (Juli) große Hitze den Löwen in die etwas kühleren nördlicheren Gefilde, wo es für ihn eine Beute abgeben kann.
04] In diesem Monate aber wird in Oberägypten die Hitze am stärksten und am unerträglichsten und treibt darum den Löwen oft bis zum Mittelmeere nordwärts, wo es da offenbar kühler ist als im Bereiche der glühheißen Sandwüsten. Kurz zu Anfang dieser Zeit bekommen die Bewohner Ägyptens stets Besuche von diesen gefürchteten Gästen und mußten sich gegen sie ganz tüchtig rüsten, um sie von den Herden abzuhalten. Und da die Sonne in dieser Zeit gerade unter ein Sternbild trat, das so wie jenes des Stieres mit seinen Sternen so ziemlich die Gestalt eines ergrimmten Löwen darstellt, so benamsten die Alten dieses Gestirn denn auch mit dem Namen eines Löwen, und in Ägypten nannte man diese Zeit auch mit den Namen: 'der Löwe' (Le o wa), Le = der Böse oder des Bösen Abstämmling, im Gegensatze zum EL = der Gute oder des Guten Sohn, o = die Gottessonne, wa, auch wai = flieht; Le o wai heißt demnach: Der Arge flieht die Sonne.
05] Die Römer benannten ihrem Helden Julius Cäsar zu Ehren erst vor wenigen Dezennien diese Zeit mit dessen Namen, weil er so schlau und mutig zu kämpfen verstand wie ein Löwe. - Da habt ihr nun das siebente Himmels- oder Tierkreisbild, das bei den späteren Nachkommen ebenfalls in eine Art Vergöttlichung geriet.
06] Aber auf den Löwen sehen wir eine 'Jungfrau' folgen; das scheint auf das Frühere denn doch nicht so ganz zu passen?! O ja, es paßt ganz und recht natürlich darauf! Mit der Besiegung der Löwenzeit waren die Hauptbeschwerden des Jahres gewisserart beendet, und man ergab sich hier einer größeren Heiterkeit und veranstaltete Feste, die besonders dazu dienten, den braven und sittlich reinen Jungfrauen Geschenke zu machen, um sie dadurch zur ferneren Sittlichkeit anzueifern; auch war es in dieser Zeit Sitte, Hochzeit zu begehen. Nur eine als rein befundene Jungfrau konnte zum Weibe genommen werden; eine aber, die ihre Jungfräulichkeit nicht wohl bewahrt hatte, ward von der Ehe ausgeschieden und konnte im äußerst günstigen Falle nur mehr ein Kebsweib irgendeines Mannes, der schon ein oder mehrere ordentliche Weiber hatte, werden, - sonst aber blieb nur der verächtliche und niedere Sklavenstand übrig. Und so hatte diese Zeit eben auch eine gar gewichtige Bedeutung, und weil um diese Zeit wieder ein recht nettes Sternbild des Zodiakus über der Sonne zu stehen kam, so benannte man es die 'Jungfrau'. Aber erst vor wenigen Jahren gaben die eitlen Römer, ihrem Kaiser Augustus zu Ehren, dieser Zeit auch des Kaisers Namen. Und so weißt du, liebe Helena, nun auch, wie nach dem Löwen eine Jungfrau unter die Sterne kam. - Aber nun weiter!
07] Wir haben nun gesehen, wie da auch eine Jungfrau unter die Sternbilder des Zodiakus kam; aber nun kommt gar eine Sache hinein, wie wir das sogleich sehen werden. Eine 'Schalwaage' ersehen wir, wie sie die Krämer und Apotheker zum Abwiegen ihrer Spezies und Arzneien brauchen. Wie kam denn dieses Gewichtserprobungsinstrument unter die Sterne? Ich sage es euch: Ganz leicht und eben wieder also natürlich wie alle die früheren!
08] Seht, nach der Zeit der Jungfernerprobung und der Hochzeiten, durch die diese vorhergehende Zeit am meisten und ordnungsmäßig ausgezeichnet war, kam die Zeit der Erprobung der meisten Ernte, des Getreides - dessen Anbau schon die ältesten Einwohner dieses Landes stark betrieben haben, natürlich neben der Viehzucht -, der Früchte, als der Feigen, der Datteln, des Öles, der Granatäpfel, der Orangen und dergleichen mehr.
09] Jede Gemeinde hatte ihren Ältesten zum Vorstande und Leiter aller Geschäfte und ebenso einen Priester, der sich bloß mit dem Geistigen zu beschäftigen hatte und zu unterrichten das Volk an den bestimmten Tagen und zu weissagen bei wichtigen Angelegenheiten. Daß sich der Priesterstand bald sehr vermehrte, braucht kaum näher erwähnt zu werden, wie auch, daß dieser Stand sich mit der groben, materiellen Arbeit eben nicht sehr abgab, außer mit neuen Versuchen und Verbesserungen in jeder möglichen Hinsicht.
10] Der Priesterstand war es auch, der die Metalle der Erde erforschte, sie sammelte und zum Gebrauche tauglich machte. Zu allen den vielen technischen Dingen aber brauchte er auch viele Handlanger und wohlunterrichtete Werkführer, die alle keine Zeit hatten, sich mit dem Ackerbau und mit der Viehzucht abzugeben, und es mußten daher alle solche Menschen von den Gemeinden erhalten werden. Wie aber sollte das bemessen werden, auf daß ein jedes Gemeindeglied eine seiner Ernte entsprechende Gabe an die Priesterschaft und deren Helfer verabreiche?
11] Man bestimmte den Zehent, und jedes Gemeindeglied mußte den zehnten Teil aller Ernte dem Priesterstande abliefern. Wie bemaß man aber den Zehent? Ganz einfach: mit der Waage! Man hatte zu dem Behufe große und kleine Waagen in der Art, deren schon früher erwähnt wurde. Jede Gemeinde besaß mehrere solche Waagen, und unter den Augen des Gemeindevorstandes wurde alle Ernte genau abgewogen in der Art, daß da stets beide Schalen vollgefüllt wurden; neunmal wurden die gefüllten Waageschalen in den Kasten des Gemeindegliedes ausgeleert, das zehnte Mal aber in den Kasten der Priesterschaft. Der Oberpriester war zugleich auch des ganzen Volkes Hüter oder Hirte mit dem Ausdruck Vara on ('er hütet' oder: 'er ist der Hirte'). In der späteren Zeit wurden die Varaonen wirkliche Könige des Landes, unter deren Botmäßigkeit auch das Priestertum stand.
12] Wir aber ersehen nun aus dieser geschichtlich wahren Darstellung, daß die Zeitperiode, als erste nach der der Jungfrau, hauptsächlich zum Abwiegen der Ernten wegen der Zehentabgaben an das Priestertum bestimmt war; und weil gerade um diese Zeit die Sonne abermals unter ein neues Zeichen trat, so nannte man dieses Zeichen im Zodiakus die 'Waage'. Das wird jedermann einleuchtend sein, der nur einigermaßen mit den Sitten und Gebräuchen der alten Ägypter ein wenig vertraut ist.
13] Daß man mit der Zeit der Waage allerlei entsprechende Bedeutungen beilegte, sie auch als Symbol der göttlichen wie der weltlichen Gerechtigkeit benützte, ja, daß man sie bei einigen noch tief unten stehenden Völkern sogar auf eine gleiche Weise anbetete, wie die Indier hie und da den Pflug, braucht wohl kaum näher beleuchtet zu werden. Die Phantasie der Menschen einesteils und die stets wachsende Gewinnsucht der sich immer mehrenden Priester und Volkslehrer andernteils vergöttlichte mit der Zeit, was ihr nur immer irgend altehrwürdig und für die gesamte Menschheit als nützlich vorkam. -
14] Wir hätten sogestaltig nun gesehen, wie auch ein menschliches Werkzeug in den großen Zodiakus kam, und wollen darum auch weiter sehen, wie denn das höchst unansehnliche Insekt 'Skorpion' in den großen Zodiakus kam!«


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