Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 98

Ourans Gedanken beim Bewußtsein der Gegenwart Jesu.

01] Nach diesen Worten Mathaels sagt Ouran: »Ich muß es dir, du mein nun stets achtbarerer Freund, aber auch offen gestehen, daß mich bei dem Gedanken an das plötzliche Erlöschen dieser Sonne selbst eine Art Furcht anwandelt; denn ich ersehe dabei die gänzliche Ohnmacht eines Menschen gegen die unbegrenzte Allmacht Dessen, der zwar in unserer Mitte weilt, aber im Grunde des Grundes dennoch zu heilig und endlos erhaben ist, als daß sich unsereiner, der Seine Wesenheit einmal kennt, Ihm nahen könnte! Oder daß ich mit Ihm also wie mit dir oder wie mit einem andern Menschen in einem so recht vertrauten Tone zu reden mich getraute!
02] Es ist ein ganz sonderbarer Gedanke und geht einem durch Mark und Bein: Er ist alles in allem, und wir alle sind vollkommen nichts gegen Ihn!
03] Freilich tröstet unsereinen das wieder, daß Er in Sich Selbst die höchste und reinste Liebe ist und darum mit uns armseligen, sterblichen Menschen die größte Geduld, Nachsicht und Erbarmung hat.
04] Aber Gott ist Er einmal und für ewig unveränderlich und vollkommen unsterblich, und die ganze Unendlichkeit in ihrem Sein hängt wie ein Tautropfen an einer losen Grasspitze an Seinem Willen; ein leisester entgegengesetzter Hauch Seines Mundes könnte die ganze Unendlichkeit also vernichten, wie da ein nur ganz leiser Hauch den sehr lockern Tautropfen von der Spitze des Grashalmes herabweht.
05] Weißt du, wenn man solche Dinge mit nüchternem Gemüte so ganz ruhig bei sich überlegt, so kann man sich dieses Gedankens unmöglich entschlagen: Es ist und bleibt ein gewisses Etwas in der sichtbaren Nähe des Allmächtigen, das man einerseits wohl die höchste Seligkeit nennen könnte; andererseits aber möchte man doch lieber so hübsch weit von Ihm abstehen. Ihn aus einer gewissen Ferne anbeten, wäre ein großer Genuß für Seele und Geist und würde den ganzen Menschen gewiß sehr erbauen, aber hier in der Nähe kann man das doch nur so mehr geheim in seinem Herzen tun.
06] Also möchte ich nun auch reden mit Ihm. Es giert mich ganz gewaltig danach, aber man kann ob Seiner zu unendlichen Geistesgröße den Mut dazu nicht fassen, obschon Er dem Außen nach einem ganz anspruchslosen und vollauf gemütlichen Menschen gleichsieht! Der gewisse, rein göttlich allmächtige Typus aber bleibt Ihm dennoch, und man sieht es Ihm an Seinen Augen auf ein Haar an und auf Seiner Stirn, daß sich Himmel und Erde unter Seinen Willen beugen müssen, aus Seinen Augen gehen förmliche Lichtstrahlen, und Seine Stirne gebietet in einem dem, das nie war, zu sein.
07] Ja, Freund, das ist ein zermalmender Anblick, den Schöpfer der Welten und Himmel in der Person eines schlichten und völlig anspruchslosen Menschen vor sich zu sehen! Wahrlich, da ist von irgendeinem Scherze gar keine Rede mehr! Aber, es ist nun einmal also, und dem Herrn allein alles Lob, daß es nun also ist, denn ohne Ihn würden wir bei den heutigen Tagesumständen ganz verzweifelt schlecht daran sein!«
08] Sagt Mathael: »Das sicher, ich und du ganz besonders; denn mich hätten die Bösen erwürgt, und dich hätte die Sonnenfinsternis verzehrt! Aber nun geben wir acht; denn von nun an wird es mit der Scheinsonne nicht gar zu lange mehr dauern, und es wird beim plötzlichen Erlöschen dieser ganz seltenen Sonne Spektakel absetzen!«
09] Darauf wird nun alles still und sieht nach der Scheinsonne.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers