Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 95

Über die Erziehungsmethode im alten Ägypten.

01] Sagt Mathael recht aufgeräumten Gemütes, da ihn des Alten recht triftige Bemerkung sehr angesprochen hatte: »Liebster Freund Ouran! Du hast nun als Mensch aus deiner Außennaturseite wahrlich so weise und so wahr als möglich gesprochen, und es verhält sich mit dem Begreifen neuer, vorher nie dagewesener Wahrheiten genau also, wie du dich darüber ausgesprochen hast. Aber dagegen muß ich dir folgende Gegenbemerkungen machen: Sieh, in Ägypten, und zwar in dieses Reiches alten Schulen, war in Hinsicht der Erziehung jener Kinder, die dem Priesterstande angehörten, eine höchst eigentümliche Erziehungsweise, die im Grunde gar nicht schlecht war.
02] Die neugeborenen Kinder wurden sogleich in unterirdische, sehr geräumige Gemächer gebracht, in die nie das Tageslicht dringen konnte. Sie wurden da gut gepflegt und erblickten kein anderes Licht als das künstliche irgendeiner wohlkonstruierten Naphthalampe, worin die alten Ägypter bekannt unnachahmlich große Meister waren. In solchen unterirdischen Gemächern mußte dann der Mensch bis in sein zwanzigstes Jahr verweilen und bekam darin den Unterricht von der schönen Ober- oder eigentlichen Außenwelt, die er aber noch nie zu Gesichte bekommen hatte.
03] Er machte sich in seiner Phantasie Bilder davon, so gut es nur immer gehen konnte; aber von der weiten Ausdehnung der Gegenden, vom Großlichte, in einem unermeßlich tiefen und freien Raume sich befindend, nämlich von der Sonne, vom Mond und von den zahllos vielen Sternen, sowie von der Stärke des Lichtes und dessen Wärme konnte er sich doch unmöglich irgendeinen wahren Begriff machen.
04] So ein ganz gemütlicher Jünger der unterirdischen dunklen Schulgemächer hatte sonach auch nur lauter Bruchstücke von Wahrheiten über die Oberwelt und deren Verhältnisse in seinem Gehirne, aber er konnte sie bei all seinem Fleiße und bei all seiner Aufmerksamkeit dennoch nicht, wie man zu sagen pflegt, unter ein Dach bringen.
05] Das waren denn alsonach auch lauter einzelne kernfeste und wahrheitsvolle Bausteine, deren Zusammenfügung zu einem großen Palastgebäude noch sehr bedeutend auf sich warten ließ und natürlich in den unterirdischen Gemächern rein unmöglich war.
06] Wenn aber dann ein solcher Unterweltsjünger nach der Beurteilung seiner Lehrer den erforderlichen Grad der Bildung erreicht hatte, da ward ihm bedeutet, daß er nun durch die Gnade Gottes bald und unversehens auf die lichtvolle Oberwelt gelangen werde, in deren Lichte er in einem Augenblick mehr erfahren und lernen werde als in der dunklen Unterwelt in gar vielen Stunden.
07] Darauf freute sich der Unterweltsjünger natürlich gar sehr, obschon er eigentlich vorher noch auf eine ganz eigentümliche Art werde sterben müssen. Das Sterben bestand in einem recht tiefen Schlafe, währenddem man den Jünger dann in einen herrlichen Palast der Oberwelt brachte.
08] Welche Augen voll Staunens machte dann solch ein Jünger, wenn er zum ersten Male aus seinem Schlafe erwachte und sich im göttlichen Lichte der Sonne befand! Wie kam er sich selbst vor in weißen Kleidern, die mit roten und blauen Streifen verbrämt waren! Wie mußten ihm die freundlichen, ebenfalls schön gekleideten Menschen beiderlei Geschlechtes vorkommen! Wie schmeckten ihm die gut bereiteten neuen Speisen! Was aber mußte seine Seele erst empfinden, wenn er von den freundlichsten Menschen hinaus ins Freie kam, da die herrlichen Gärten durchwandelte und deren ambrosische Düfte einatmete, wenn er zum ersten Male die ganze Natur vor seinen über alle menschlichen Begriffe wonnetrunkenen Augen in konkreter Fülle, von der Sonne erleuchtet, vor sich sah!
09] Sieh, aus diesem Bilde, das du dir in deiner Phantasie noch selbst weiter ausmalen kannst, ersiehst du dein eigenes gegenwärtiges Begriffsverhältnis in bezug auf alle die neuen Wahrheiten, die dir hier offenbart werden!
10] Was du jetzt noch in den dunklen Gemächern, in denen sich nun noch deine Seele befindet, vernimmst, sind freilich nur Bruchstücke und können kein Ganzes und in sich schon Vollendetes sein; aber wenn dein Geist durch die wahre Liebe zu Gott dem Herrn, und aus dieser Liebe auch durch die Liebe zum Nächsten, in deiner Seele erweckt sein wird, dann wirst du in deines Geistes hellstem Lebenslichte alles das im vollsten Zusammenhange schauen und dort ein unermeßliches Lichtmeer voll der höchsten Wahrheit erschauen, wo du jetzt kaum einzelne Tröpfchen zu erschauen imstande bist.
11] Unsere erste und vorzüglichste Arbeit wird daher diese sein, den Geist in der Seele frei zu machen und die Seele in sein Licht zu bringen; haben wir das erreicht, Freund, dann werden wir nicht mehr Tröpfchen zu sammeln vonnöten haben, sondern da werden wir es gleich mit den unermeßlichen Meeren voll des höchsten Weisheitslichtes aus Gott zu tun bekommen.
12] Dann, Freund, wirst du mich sicher nicht mehr um die Verhältnisse des Mondes, unserer Erde, der Sonne und all der Sterne fragen; denn das alles wird dir von selbst auf einen Blick klarer werden als die Sonne am hellsten Mittage.
13] Aber es wird dann für uns eine andere Schule beginnen, von der du jetzt freilich noch keine Ahnung haben kannst. - Sage, Freund, ob du dieses Bild nun so ein wenig begriffen hast! Wie hat es dir gefallen?«


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