Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 93

Zweierlei Liebe zu Jesus.

01] Sagt die Helena: »Ja, ja, mit einigem Grauen zwar wohl noch immer, aber es fängt mir die Sache an heller zu werden, und ich hoffe, daß ich es mit der Zeit noch immer heller einsehen werde. Aber sage uns, du lieber Freund, wie denn das nun kommt, daß ich deinen großen Einen nun noch immer stärker liebe, aber mein Herz ist frei vom Schmerze!? Denn seit ich durch dich es gründlich weiß, daß solche Liebe kein Laster, sondern nur eine über alles nötige Tugend eines jeden Menschen Gott gegenüber ist, verursacht mir die nun viel stärkere Liebe durchaus keinen Schmerz im Herzen mehr, und alle Beklommenheit meiner Brust ist wie weggehaucht! O sage es mir, worin so etwas doch den Grund haben kann!«
02] Sagt Mathael: »Aber Liebste, das liegt ja doch offen am Tage! Früher hattest du eine verzehrende Furcht, weil dein Herz einen Gott mit Liebe umfaßte, was nach eurer törichten Götterlehre im höchsten Grade als verdammlich dargestellt wird. Nun aber hast du handgreiflich eure alte Torheit einsehen gelernt und hast an der Quelle den Willen Gottes erkannt und siehst nun, daß solche Liebe eine erste und größte Tugend eines jeden Menschen sein muß; und so ist es ja doch leicht begreiflich, warum dir deine Liebe keine Schmerzen mehr verursacht in deinem Herzen, sondern notwendig nur das blankste Gegenteil! - Verstehst du solches denn nicht von dir selbst?«
03] Sagt Helena: »O ja, jetzt verstehe ich es wohl; aber ohne diese deine Erklärung wäre mir die Sache noch lange nicht völlig klar geworden! Ah, jetzt bin ich in der Ordnung!«
04] Sagt Mathael: »Nun, so du in der Ordnung bist, da wirst du denn auch nicht gar vieles mehr zu erfahren vonnöten haben; das gerechte Wachstum der Liebe in deinem Herzen wird dir das Abgängige geben. Jetzt aber genieße auch das Herrliche dieses Tages, den der Herr aus Seiner endlosen Liebe, Weisheit und Macht uns über das Maß hinaus schenkt; denn es werden später nach uns wieder Tausende von eitlen Jahren vergehen, und die Menschen werden nimmer schauen die Herrlichkeit eines solchen Tages!«
05] Sagt Ouran: »Da hast du, edler Freund, wohl wahr gesprochen; am Abende eine solche Tagesverlängerung ist über die Maßen wunderbar und im höchsten Grade denkwürdig! Am Morgen würde so etwas weniger auffallen, indem es besonders in den Pontusgegenden von Menschen schon zu öfteren Malen bemerkt worden ist, daß da nicht selten eine, zwei bis drei Sonnen nacheinander vor der rechten Sonne aufgegangen sind und dadurch eine bedeutende Verfrühung des Morgens bewerkstelligt haben. Es war solch eine Morgenerscheinung auch sehr interessant und merkwürdig, aber doch bei weitem nicht in diesem hohen Grade als nun die Abendtagesverlängerung durch das am Firmamente Stehenbleiben einer der natürlichen ganz gleichsehenden und -leuchtenden Sonne. Ja, ja, so etwas ist meines Wissens noch nie erlebt worden und dürfte auch schwerlich je wieder erlebt werden!
06] Aber das eigentlich Merkwürdigste bei dieser Erscheinung sind dennoch die sichtbaren Sterne im Osten; und doch scheint diese gewisserart göttlich künstliche Sonne um nichts schwächer denn die natürliche. Sage mir, du lieber Freund, sind das im Ernste die natürlichen Sterne, oder sind das etwa auch nur Scheinsterne!? Es wäre die Zeit freilich schon lange da, in der die Sterne das Firmament einnehmen; aber warum allein nur im Osten, und warum nicht am ganzen Firmamente?«
07] Sagt Mathael: »Freund! Das ist eigentlich heute einmal berührt worden, aber du wirst es überhört haben, und so will ich es dir, so gut ich es verstehe, wohl erläutern.«


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