Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 73

Raphael zeichnet Jesu Rede über das Geschlechtsleben auf.

01] Sagt Cyrenius: »Ja, Herr und Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Nun habe ich keine weitere Frage in dieser Hinsicht zu machen. Nur wäre es sehr wünschenswert, daß das alles von Wort zu Wort wäre aufgezeichnet worden; denn darin liegt eine ganze und beste Staatsverfassung zugrunde.«
02] Sage Ich: »Siehe, der Raphael wird dir solches tun; laß ihm darum Schreibmaterial bringen!«
03] Cyrenius befiehlt darauf sogleich seinen Dienern, Schreibmaterial herbeizuschaffen, und diese gehen und bringen gleich eine rechte Menge leerer Pergamentrollen, wie auch einige Kupfertafeln zum Gravieren. Als solches alles herbeigeschafft ist, berufe Ich den Raphael, und dieser verfügt sich schnell an unsern Tisch und fragt den Cyrenius, wie er es lieber geschrieben hätte, ob auf Pergament oder auf die Kupfertafeln.
04] Sagt Cyrenius: »Auf Pergament wäre die Sache wohl besser zum Gebrauch, aber auf den Kupfertafeln wäre sie für die späten Nachkommen besser und haltbarer aufzubewahren; aber habe ich die Sache nur einmal auf dem Pergamente, so werde dann schon ich eine Abschrift auf die Kupfertafeln besorgen.«
05] Sagt Raphael: »Weißt du was, da es mich weder mehr noch minder Mühe und Arbeit kostet, ob ich die Sache nun einfach oder doppelt niederschreibe, so werde ich zugleich die Rollen und die Tafeln anschreiben!«
06] Die zwölf am anstoßenden Tische machen große Augen und sind nun sehr begierig zu schauen und zu sehen, wie der junge Jünger nun mit beiden Händen zugleich schreiben werde.
07] Suetal sagt noch eigens zu Ribar: »Na, auf diese Doppelschreiberei bin ich sehr neugierig! Der große Meister aus Nazareth muß also auch ein tüchtiger Schulmeister sein; denn so eine Schreiberei ist mir noch nicht vorgekommen. Aber bis er das, was der wahrhaft sehr weise Grieche - der sicher auch ein älterer Jünger des Nazaräers ist - nun geredet hat, alles wird niedergeschrieben haben, wird etwa wohl die Sonne sich eher empfehlen!«
08] Sagt Ribar: »Das kommt erst sehr darauf an, wie geläufig er zu schreiben imstande ist! Vielleicht hat er auch im Schreiben irgendeinen magischen Vorteil, von dem wir ebensowenig wissen, wie wir von dem irgend etwas wissen, wie er die früheren Wunderfakta zustande gebracht hat. Gesehen haben wir sie und auch empfunden, aber wie und durch was sie zustande gebracht worden sind, davon haben wir sicher keinen Dunst! Darum sollen wir ein vorgenommenes Faktum (Tatsache) auch nie zum voraus in irgendeinen Zweifel ziehen bei diesen Menschen, die vor unsern Augen schon so Großes geleistet haben, als bis wir durch irgendein Mißlingen irgendeines vorgenommenen Werkes eines andern belehrt werden!«
09] Sagt Suetal: »Ja, ja, dieser Meinung bin ich wohl auch, aber es ist hier nur, daß man irgend auch etwas redet!«
10] Sagt Ribar: »Bruder, es ist hier im Ernste besser, gleichfort zu schweigen, und dafür allein zu schauen und zu horchen! Sieh, der Junge richtet sich die Rollen und die Tafeln zurecht! Darum nur fein aufgepaßt; denn er wird nun sicher sogleich zu schreiben beginnen!«
11] Suetal steht nun auf und beobachtet genau, wie der vermeintliche junge Jünger schreiben werde; als er aber schärfer zu schauen beginnt, so entdeckt er, daß bereits alle Rollen sowie die Tafeln alle vollgeschrieben sind. Darüber im höchsten Grade erstaunt, ruft er laut: »Nein, über dieses Wunder steht kein zweites mehr auf! Wir warteten, wann der Jünger seine Doppelschreiberei beginnen werde, und seht, er ist schon mit allem fertig! Ah, das geht einmal vollkommen über alle die menschlichen Begriffe himmelweit hinaus, und ist nie etwas Ähnliches erhöret worden!«
12] Auf diese Exklamation (Ausruf) des Suetal stehen nun alle die zwölf auf, sehen hin nach den offenen Rollen und nach den klein beschriebenen Tafeln, und alle überzeugen sich, daß sowohl die Rollen als auch die Tafeln voll angeschrieben sind mit guter, reiner und wohlleserlicher Schrift, und fragen sich ganz stumm: »Wie kann solches möglich sein?«
13] Raphael aber bemerkt wohl solches Staunen seiner Tischgenossen und sagt zu Suetal: »Sieh, das machen die acht von mir verzehrten Fische, um die du mir etwas neidig warst; man muß ja eine Kraft sich sammeln, wenn man eine solche Arbeit gut vollenden will! - Oder meinst du hier etwas anderes?«
14] Sagt Suetal: »Liebster, wunderbarster Freund, dir beliebt es, mich so ein wenig zu hänseln; aber es macht das ja nichts mehr, denn ich sehe, daß du eine ungeheure Dosis der göttlichen Allmacht innehast, und es ist mit dir nicht zu rechten! Aber die acht Fische haben dir solche Allmächtigkeit sicher nicht gegeben, sondern allein der große göttliche Meister aus Nazareth hat dir das gegeben! Darum mache du, daß wir diesen bald irgend zu sehen bekommen! Denn nun gibt uns unser Herz keine Ruhe mehr; wir müssen ihn sehen und sprechen! - Denn nun möchten auch wir ihn einmal sehen und sprechen!«
15] Sagt Raphael: »Geduldet euch nur noch eine Zeit, bis ich die Schriften hier ganz geordnet habe, dann werden wir erst nachsehen gehen, wo etwa für die Blinden und Tauben der große Meister steckt!« Mit diesen Worten stellen sich die zwölfe zufrieden und verlangen nun vorderhand nichts Weiteres.
16] Raphael aber macht nun die Rollen in eine gute Ordnung zusammen und übergibt sie samt den Tafeln dem ebenfalls nicht wenig erstaunten Cyrenius, der sie gleich durchzuschauen beginnt und sich über die Korrektheit gar nicht genug erstaunen kann.


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