Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 59

Gute und böse Eigenschaften bei Zurechtweisungen.

01] Sagt ein dritter aus der Gesellschaft der zwölf, der Bael heißt: »Freunde, laßt auch mich einmal ein Wort reden! Ich rede zwar für gewöhnlich wenig und höre etwas Weises lieber ganz wortlos an; aber bei aller eurer beider Rede hat bis jetzt noch sehr wenig Weisheit herausgeschaut Der junge Jünger hat im Ernste recht, so er euch recht tüchtig auslacht; denn ich sage es euch auch, daß ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht seht. Bedenket, wer wir sind und wer die große Gesellschaft ist; dann danket Gott, daß wir noch leben! Wir sind elende, schwache und gänzlich wertlose Erdwürmer, und diese Gesellschaft besteht aus Machthabern, vor denen die ganze Erde bebt; und wir Würmer getrauen uns noch, mit ihnen Worte der dümmsten Art zu wechseln!? Was hat es dich, Freund Suetal, denn geniert, daß dieser hohe, wundertätige und wahrhaft allmächtige Jüngling nun vor uns acht Fische verzehrte?! Sind wir hier denn nicht Gratisgäste, und sind wir nicht satt geworden? Ich meine: So wir nun mehr denn hinreichend gesättigt sind, was wollen wir da noch weiteres? Ist dieses Jünglings Natur also beschaffen, daß er, um sie zu befriedigen, mehr essen muß als wir ausgehungerten Tempellumpen, so haben wir darob ja doch kein kritisches Auge zu machen! Denn fürs erste hat er nicht aus unserem Beutel gespeist, und fürs zweite war es von eurer Seite im höchsten Grade unschicksam, ihn darum gewisserart zur Rede zu stellen! Ich bitte euch, werdet doch einmal klüger! Diesem Jünger gehorchen gewisserart alle Elemente, und ihr redet mit ihm, als wäre er so ganz schon euresgleichen. O ihr wahrhaft dummen Esel ihr! Er verdient mehr denn die Propheten der Vorzeit alle unsere Verehrung, des Geistes Gottes wegen, der durch ihn waltet, und ihr behandelt ihn wie einen euch ganz Ebenbürtigen! Wenn ihr im Tempel vor den Hohenpriester treten mußtet, da bebtet ihr vor lauter Ehrfurcht; hier ist millionenfach mehr als tausend Hohepriester auf einem Fleck, und ihr benehmet euch wie ein paar allerwahrhaftigste Trottel! Pfui, schämet euch! Seid stille, höret und lernet etwas; dann erst redet mit Menschen, die minder weise sind denn ihr! Aber den göttlichen Jüngling lasset mir in Ruhe, sonst müßte ich grob werden mit euch im Namen aller der andern Brüder, die hier an diesem Tische sitzen!«
02] Sagt Raphael: »Hast zwar gut gesprochen, lieber Bael; aber es sind so derbe Zurechtweisungen nie ganz in der Ordnung, weil sie im Hintergrunde nicht die Liebe, sondern einen versteckten Hochmut haben. Denn wenn du in solcher Derbheit deine Brüder zurechtweisest, so erbrennst du aus deinem Ärger, wirst erbost, und überredest dich selbst bis zum Zorn und richtest dann nichts Gutes aus; denn auf Dornen und Disteln wachsen keine Trauben und Feigen, und aus einer Brandstätte kommt lange kein Gras zum Vorschein.
03] Wenn du deinen Bruder führen willst, so mußt du ihn nicht so fest am Arme packen wie ein Löwe seine Beute, sondern wie eine Henne ihre Küchlein führt, also auch du deine Brüder; dann wirst du von Gott angesehen werden, dieweil du gehandelt hast nach der Ordnung der Himmel.
04] Versuche du zuvor stets die Kraft und die Macht der Liebe, was diese vermag, und wie weit sie reicht! Sollte es sich zeigen, daß in ihrer Sanftheit wenig oder nichts ausgerichtet wird, dann erst umhülle du die Liebe mit dem Gewande des vollen Ernstes und führe also aus tiefster Liebe deinen Bruder ernst festhaltend, bis du ihn gebracht hast auf den rechten Weg! Steht er einmal darauf, dann enthülle deine Liebe, und der Bruder wird dir dann ewig ein himmlischer Freund voll Dankbarkeit bleiben! Und das ist besser, weil es ist in der Ordnung Gottes von Ewigkeit.«
05] Bael macht hier große Augen auf diese Zurechtweisung, und Suetal und Ribar drücken vor lauter Freude darüber dem Raphael die Hände; denn es gefiel ihnen wohl, an dem vermeinten jungen Jünger einen Vertreter ihres Menschenrechtes gefunden zu haben.
06] Aber der junge Jünger sagt zu ihnen: »Freunde, die Dankbarkeit für einen guten Dienst ist gut, wenn sie einen guten Grund hat; wenn aber der Grund nicht völlig gut ist, ja, eigentlich mehr schlecht als gut, dann ist auch die ganze und noch so reichliche Dankbarkeit nicht um ein Haar besser als der Grund selbst!«
07] Bei dieser Bemerkung des Raphael machen Suetal und Ribar große Augen, und Suetal fragt den Raphael, sagend: »Aber, liebster junger Freund, sage es uns doch, wie du solches meinst!? Es scheint uns, daß du mit unserer Dankbarkeit durchaus nicht zufrieden bist!«
08] Sagt Raphael: »Seht, bei einem Menschen nach der Ordnung Gottes muß am Ende auch alles in der vollen Ordnung Gottes sein. Die reine Liebe als das Fundament alles Lebens wie in Gott also auch im Menschen muß aus jeder Handlung hervorleuchten. Ihr seid mir nun dankbar, daß ich den Bael zurechtgewiesen habe, weil seine an euch gerichtete Zurechtweisung nicht auf dem Grunde der Liebe, sondern auf dem des Ärgers basierte (gegründet war), der ein Abkömmling des Zornes und der Rache ist. Bael hatte euer Gemüt offenbar verletzt, und ihr entbranntet darob geheim in eurem Herzen vor Ärger und hegtet zugleich den Wunsch, daß dem Bael dafür möchte eine so recht derbe Zurechtweisung zuteil werden. Und seht, solch ein Wunsch ist so ein jüngstes Kind des Rachedurstes, der nur in der Hölle daheim ist! Nun aber bin ich eurem Wunsche zuvorgekommen und habe ihm das Arge seiner Zurechtweisung klar gezeigt, und darüber habt ihr beide dann eine Freude in euch empfunden und waret mir darob dankbar.
09] Aber eure Freude war nicht darum in euch entstanden, weil ich den Bruder Bael auf den rechten Weg der Ordnung Gottes gebracht, sondern weil ich ihm an eurer Statt und nach eurer Meinung so einen recht festen Hieb versetzt habe, wodurch euer Rachedürstlein ein wenig abgekühlt wurde und ihr noch einen Grund habt, ihm zur noch öfteren Nachabkühlung eures Rachedürstleins solches vorzuhalten. Und seht, weil eure Dankbarkeit auf solch einem Grunde basiert war, der schlecht ist, weil keine Liebe darin war, so kann auch die Dankbarkeit selbst nicht gut sein!
10] Ah, wenn eure Dankbarkeit aber eine Frucht jener echt himmlischen Freude ist, daß ein etwas verirrter Bruder wieder auf den rechten Weg gesetzt worden ist, dann ist sie auch eine Frucht der Ordnung der Himmel, die Liebe heißt, und ist aus solchem Grunde heraus gut.
11] Wollt ihr, wie ihr berufen seid, wahrhaftige Kinder Gottes sein, so darf euch nie irgendein Grund zu einer Handlung bewegen, der da nicht in allen seinen Teilen auf der reinen Liebe basiert wäre; von einem Ärger, von einem Rachedürstlein und von einer noch so geringen Schadenfreude darf in eurem Herzen keine Spur vorhanden sein, denn das gehört der Hölle und nicht dem Himmel an.
12] Seht, wenn da in eurem Hause ein Bruder schwer krank am Leibe darniederläge und stünde in großer Gefahr, von der Krankheit getötet zu werden, wodurch ihr unter großer Traurigkeit einen lieben Bruder verlieren könntet, so werdet ihr sicher alles aufbieten, um dem Bruder zu helfen von seinem Leiden und ihn zu retten vor der Todesgefahr! Welch eine Freude werdet ihr haben, wenn durch eure Mühe eurem Bruder von Stunde zu Stunde besser und besser wird!
13] Wenn ihr aber schon eine solche Freude über die leibliche Besserung eures Bruders in euch empfindet, - um wieviel mehr habt ihr, als sämtlich Kinder eines und desselben guten Vaters im Himmel, euch zu freuen, wenn ein seelenkranker Bruder, der auf dem Wege des möglichen ewigen Verderbens stand, wieder geheilt wird zum ewigen Leben!? - Sehet ihr das ein oder nicht?«


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