Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 52

Suetals und Ribars Zwiegespräch über die Wunderprobe Raphaels.

01] Nach einer kleinen Weile sagt Ribar wieder: »Möchte doch so wenigstens von einem Jünger erfahren, was er schon alles gelernt hat an der Seite des Wunderheilandes!«
02] Sage Ich: »Oh, das kann ja sehr leicht geschehen! Es ist zwar schon Zeit zum Mittagsmahle, und der Wirt wird damit bald in der Ordnung sein; aber für ein kleinstes Jüngerpröbchen wird sich's gerade noch tun, und es soll gerade ein jüngster daran und soll dir als einem strengen Examinator zeigen, was er schon alles kann! - Willst du so etwas?«
03] Sagt Ribar: »Allerdings, denn ohne Probe kann über niemand ein Urteil gefällt werden!«
04] Hier berufe Ich den Raphael, der im Grunde und streng genommen doch auch ein Jünger von Mir ist, wennschon ein Geist, nun mit leichter Materie angetan. Raphael, kaum berufen, steht in Blitzesschnelle vor Ribar und sagt: »Was für eine Probe verlangst du von einem Jünger des Herrn?« - Ribar denkt bei dieser Frage nach und forscht, ob er so etwas einem Menschen recht Unmögliches erfinden könnte, das keinem Menschen zu machen möglich wäre.
05] Sage dazu Ich: »Nun, Ich meine, die Geschichte hat deine Pfiffigkeit schon so ein bißchen beim Kragen!?«
06] Sagt Ribar: »Oh, laß du das nur gut sein! >Festina lente< (Eile mit Weile) sagen die Römer! Hostis cum patientia nostra victus! (Mit Geduld kommt man zum Sieg!) Ich werde dem Jungen eine Nuß aufzuknacken geben, an der seine Zähne auf eine starke Probe gesetzt werden!«
07] Hier beugt sich Ribar zur Erde, hebt einen mehrere Pfund schweren Stein vom Boden und sagt lächelnd zu Raphael: »Lieber Jünger des göttlichen Meisters, der Dinge vollbringen soll, die nur Gott allein möglich sein können! So du von ihm schon so etwas Allmächtiges erlernt hast, so mache da aus diesem Stein ein gutes, süßes Brot!«
08] Sagt Raphael: »Versuche, ob der Stein noch Stein ist!«
09] Ribar versucht das und sagt: »Na und oh!«
10] Spricht Raphael: »Versuche das nun noch einmal!«
11] Ribar versucht das noch einmal, bricht den Stein auseinander und erkennt, daß der Stein wirklich zu Brot geworden ist. Solches Wunder in seinen Händen macht ihn ganz gewaltig stutzen, ja, er ward sichtlich von einer bedeutenden Angst ergriffen und wußte nun nicht, was er darauf sagen sollte.
12] Raphael aber sagt zu ihm: »Verkoste es auch; denn das Auge ist leichter zu betrügen denn der Gaumen! Gib es auch deinen Freunden zum Verkosten, auf daß wir Zeugen für diese Umwandlung haben darum, daß sie eine wahrhaftige sei!«
13] Ribar verkostet das Wunderbrot, anfangs etwas vorsichtig; da es ihm aber gar zu wohl schmeckt, so beißt er in die eine Hälfte darauf ganz ordentlich drein und gibt die andere Hälfte seinen Genossen zu verkosten. Alle finden das Brot ungemein schmackhaft, süß und voll des einladendsten Geruches.
14] Ich aber frage darauf den Ribar, sagend: »Nun, lieber Freund, laß Mich vernehmen dein Urteil; was sagst du zu dieser Tat, vollführt von einem Jünger?«
15] Sagt Ribar zu Suetal: »Bruder, rede du nun, du bist etwas gescheiter denn ich! Das geht zu hoch über meinen Erkenntnishorizont!«
16] Sagt Suetal: »Derart Menschen, wie du einer bist, gibt es nun sehr viele in der Welt, die sich anfangs mit ihrem bißchen Verstande gerne patzig machen; kommt aber dann eine Erscheinung, weit über ihren Verstand hinausreichend, da stehen sie dann da wie ein auf einem Ehebruche ertapptes Weib! - Was läßt sich da nun anderes sagen als: Mathael hat recht mit jeder Silbe, mit der er dem großen Meister sicher das wahrste Zeugnis gab!
17] Wenn solche Dinge schon seine Jünger zu bewirken imstande sind, was wird nun erst der göttliche Meister alles zu tun imstande sein?!«
18] Sagt Ribar: »Das ist alles wahr, und keiner von uns kann es je in Abrede stellen; aber man sagt und lehrt im Tempel auch als eine entschiedene Wahrheit, daß gewisse besondere Magier überaus seltene Dinge durch die ihnen zu Gebote stehende Macht des Beelzebub zu vollbringen imstande sein sollen. Sogar die Römer sagen: In doctrina aliena cauti, felices (Glücklich, wer vorsichtig ist in einer fremden Lehre) und Sapientia non incipit cum odio deorum (Die Weisheit fängt nicht mit dem Haß der Götter an)!«
19] Sagt Suetal: »Höre mir auf mit deinen dummen lateinischen Sprüchen, und mit deinem eselhaften Beelzebub kannst du mir für ewig vom Leibe bleiben! Hast du denn ehedem nicht den göttlich weisen Mathael reden hören und daraus leicht entnehmen können, daß die Lehre des großen Meisters jeden Menschen zu Gott hinleitet durch die Wahrheit, Liebe und Tat? Nun, dazu sollte sich der große Meister des Vorstehers aller Lüge und alles Betrugs bedienen? Blinder Esel, der du allzeit noch warst; war das Brot eine Lüge, oder war es ein wahrhaftiges Brot?
20] Hätte es dir der Beelzebub bereitet, was ihm wohl nie möglich wäre, so hättest du nun statt des besten Brotes einen Stein im Magen; weil es aber ein wahrhaftiges Brot wie aus dem Himmel kommend war, so fühlst du, so wie ich es fühle, nun noch den wahrhaft göttlichen Wohlgeschmack von bester Wirkung in deinem ganzen Leibe, wie ich in dem meinen!
21] Wo hast du je in der ganzen Schrift gelesen, daß es dem Satan je gelungen sei, ein Wunder gleich diesem zu vollbringen? Siehe an die Wunder Beelzebubs im Tempel! Was sind sie? Nichts als ein schnödester und wohlbekannter Betrug, um dadurch bei der dir gleich blinden Menschheit das Geld und das Silber flottzumachen und es dann zu anderweitigen, schändlichen Zwecken zu benutzen!
22] Siehe, das sind Wunderwerke des Satans und sind als solche mit Händen greifbar leicht zu erkennen!
23] Hier aber waltet kein irgend möglicher Betrug, sondern der leicht zu erkennende allmächtige Wille Jehovas allein! Wie kannst du da noch fragen, ob so etwas nicht auch durch Satans Macht möglich wäre?! Wo hat denn Satan noch je beweisen können, daß ihm irgendeine wahrhaftige Macht innewohnt?«
24] Sagt Ribar sehr betroffen: »Na, hat er nicht gesiegt am Sinai, als er drei Tage mit Michael um den Leib Mosis gekämpft hat?«
25] Sagt Suetal: »Ja, da hat er sich den Dreck Mosis errungen! Schöner Sieg! Was weißt du weiter?«
26] Sagt Ribar: »Nun, ist die Verführung Evas und Adams nichts?«
27] Sagt Suetal: »Kann man das ein Wunder, diesem gleich, nennen?! Wenn dir eine üppigste Dirne alle ihre fleischlichen Reize zeigt und dich mit sehr lüsternen Augen einladet, wird es da wohl etwas Wunderbares sein, so du aus lauter fleischlicher Wollustgier ihr in ihre schönen, weichen Arme sinkst? Solche Adams- und Evaswunder geschehen leider heutzutage nur zu viele, gehören aber stets der untersten und gröbsten Natürlichkeit an, und von einem Wunder ist da wahrlich keine Spur, außer es ist alles ein Wunder vom Urbeginn der Schöpfung angefangen! - Wißt du etwa noch um irgend so ein Satanswunderwerk?«
28] Sagt Ribar: »Mit dir ist da hart reden! Was aber sind die uns bekannten Wundertaten der Götzenbilder von Babel und Ninive? Sind diese etwa nicht vom Satan bewirkt worden?«
29] Sagt Suetal: »Für blinde Esel, dir gleich, ja, - aber für sehende Menschen nicht, denn die wußten, daß in dem in der Nacht durch Feuer weißglühend gemachten Bauche des bekannten Götzen zu Babel die durch seinen weiten Rachen in seinen Bauch geworfenen Opfer gar leicht von dessen ganz natürlicher Glut haben verzehrt werden können. Solche Wunder kannst du alle Tage mittels eines tüchtigen Feuers zustande bringen und benötigst dazu nicht im geringsten irgendeines Satans! Ich selbst will dir mittels Einverständnisses einiger feiler Knechte eine Menge von allerlei Satanswundern zuwege bringen, ohne dazu eines Satans Hilfe vonnöten zu haben; denn dazu ist eines jeden schlechten Menschen böser und gewinnsüchtiger Wille Satan mehr als zur vollsten Übergenüge.
30] Ein Satan kann und vermag ewig nichts - außer zu verderben irgendein ohnehin keinen Wert habendes Fleisch, und er kann sich dann nehmen seinen überaus stinkenden Lohn; aber für Seele und Geist kann er ewig kein Wunder wirken, weil sein Wesen selbst die allerdickst gerichtete Materie ist! Ja, durch den Satan kannst du noch materieller werden als du schon lange bist; aber geistig wirst du durch ihn nie auch nur einen Augenblick lang! - Und nun rede weiter, so dir noch einige Satanswunder einfallen!«
31] Sagt Ribar, so ganz zusammengemacht: »Wenn alles also, da weiß ich freilich um kein weiteres Satanswunder mehr, und ich will dieses reinste Wunder anerkennen, das der junge und sehr liebliche Jünger des großen Meisters zustande gebracht hat. Übrigens aber hättest du schon etwas artiger mit mir reden können, und ich hätte dich auch verstanden!«
32] Sagt Suetal: »Da hast du wohl recht, aber du weißt es schon lange, daß ich allzeit aufgebracht werde, wenn mir ein Mensch, besonders von doch einiger Bildung, mit dem alten Märchen von einem Beelzebub kommt, als wären die Weltmenschen nicht schon Beelzebubs zur Übergenüge! Besonders aber bei einer solchen rein göttlichen Gelegenheit! Wahrlich, da könnte ich vor Ärger schon allzeit aus meiner höchst eigenen Haut springen!«
33] Sagt Ribar: »Na, na, es ist ja schon alles wieder gut! In medio beati (In der Mitte wallen die Glücklichen) sagen die Römer; >nie zu hitzig und nie zu lau< ist der Weisheit und aller Lebensklugheit Kern. Die Wahrheit begreift sich am Ende, verstehst Bruder, auch ohne Esel und Dreck!«
34] Sagt Suetal: »Jawohl, jawohl; aber in gerechtem Eifer wägt man schwer die Worte ab, mit denen man jemand zurechtweist, wenn er gar zu dumme Bedenklichkeiten zur Schau zu tragen beginnt! Aber da du nun die Wahrheit etwas näher einzusehen beginnst, so wirst du von mir ähnliche Ausdrücke auch nicht leicht wieder zu hören bekommen!«
35] Darauf sage Ich: »Nun, seid ihr in der Ordnung?«
36] Sagen beide: »Ganz vollkommen!«


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