Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 7

Des Pharisäers Bekenntnis von dem Glaubenszwange des Tempels.

01] Sagt der Pharisäer: »Alles, was du, hoher Gebieter, redest, ist aber auch so handgreiflich gut und wahr, daß wir nichts anderes sagen können, als daß ein jeder Mensch von nur etwas Geist durch eine Stunde Umgang mit dir offenbar mehr für seinen Kopf und für sein Herz gewinnt, als wenn er hundert volle Jahre die Dummheiten des Tempels anhören könnte, an denen nichts als ein leerer Wortschall haftet.
02] Es wird wohl darin viel geplaudert und noch mehr geplärrt; aber das ist alles soviel, als so man zu jemand sagte: 'Freund, wasche mir meine Hände und Füße; aber nur gib dabei fein acht, daß du sie mir ja nicht im geringsten irgend naß machst!' - Und bei unseren Lehren, die im Tempel gehalten werden, wird ausdrücklich verlangt, daß man sie wohl mit aller Andacht anhöre und tue, was da verlangt wird. Aber warum, und welch Verständnis in der vorgetragenen Lehre liegt, darum darf sich niemand kümmern, - denn das seien Geheimnisse Gottes, um die niemand denn allein nur der Hohepriester etwas Näheres wissen dürfe, aber unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit.
03] Was nützt dem Menschen eine Lehre, deren Wortlaut er allenfalls wohl anhören kann, ja sogar muß, aber davon auch nie eine Sterbenssilbe verstehen darf?! Da wäre es denn doch offenbar ebensogut, von solch einer Lehre nie ein Wort zu vernehmen!
04] Bei Gott, wenn man die Sache der Gotteslehre unter den Menschen so recht beim Lichte betrachtet, so kommt man dabei oft auf Dinge, über die sich jeder Straußenmagen umkehren könnte! Denn sind oft die Menschen in ihrem andern Tun und Lassen auch eben nicht gar so dumm und finster wie eine mondlose, tief umwölkte Herbstnacht, so sind sie es aber sicher hundertfach in ihren Gotteslehren! Entweder glauben sie oft einen Bundschuh um den andern, daß es davor schon einem Hunde zu ekeln anfangen muß - geschweige einem ehrlichen Menschen -, oder sie glauben gar nichts.
05] O Herr und Gebieter, du kannst es nicht glauben, wie es mir oft zumute war, wenn ich so den Menschen etwas als gut und wahr vorpredigen mußte, wovon ich als einer totalsten Lüge im voraus mehr als durch und durch überzeugt war. Ich hätte mich oft selbst gerade vor lauter Ärger erwürgen können. Aber was half es? Wenn der Ochse einmal im Joche steckt, muß er ziehen - ob es leicht oder schwer geht -, sonst gibt es Hiebe in Überfülle! Ich habe mir unter dem Predigen oft gedacht und mich selbst befragt: 'Wer wohl ist ein bedauerlicherer Ochse, ich, der Prediger, oder der, dem ich predigte?' Und ich mochte mich des Gedankens nie erwehren, demnach dennoch ich selbst stets der größere und im Grunde notgedrungen dümmere Ochse war! Denn mein Zuhörer konnte, wenn er ein gescheiter Mensch war, mich hinterdrein nach Herzenslust auslachen und sich bei seinen Freunden lustig machen über mich; das durfte ich aber, wenigstens im Tempel, bei Strafe des verfluchten Wassers nicht tun.
06] Darum, hoher Gebieter, sage ich: Weg nun von uns allen, was da im vollsten Ernste rein des Teufels ist! Wir werden von nun an recht gescheite Menschen und ewig keiner menschlichen Dummheit mehr zu Dienern werden; denn es ist etwas Entsetzliches, ein Diener der Dummheit der Menschen zu sein! Von nun an Waffen und die reine Vernunft! Alles andere gehört zwischen die Geweihe des alten Sündenbockes, den man umbringen und verbrennen muß mit dem Feuer eines gerechten Ärgers. - Aber nun von etwas anderem!
07] Weißt du, hoher Gebieter, nicht, was dieser gute Gottmensch etwa begehren würde, wenn er uns nur auf eine ganz kurze Zeit von etlichen Tagen zu seinen Jüngern annähme? Denn es müßte sich von ihm in kürzester Zeit äußerst viel gewinnen lassen! Meinst du wohl, daß wir ihn darum etwa ganz harmlos fragen könnten?«
08] Sagt Julius: »Allerdings; aber das weiß ich auch ganz bestimmt, daß Er nirgends irgendeinen materiellen Lohn annimmt, sondern stets nur einen rein geistigen! Oh, Er hat nie auch nur ein Naulum Geldes bei Sich und bleibt dennoch nie jemandem irgend etwas schuldig! Der Ihm irgend etwas zuliebe tut, dem vergilt Er es auf einem andern Wege tausendfältig; denn Sein Wort und Sein Wille sind mehr wert als die ganze Welt. Mehr brauchet ihr nicht zu wissen und könnet nun tun, was ihr wollt!«
09] Sagt der junge Pharisäer: »Ganz gut und wohl, und vielen Dank dir, du hoher Gebieter, für diese Aufhellung unseres Gemütes; denn nun weiß ich es schon recht wohl, was wir alle tun werden und gewisserart tun müssen! Jetzt erst werden wir uns alle an ihn ganz ernstlich wenden; und was er sagen wird, das werden wir auch tun!«


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