Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 4

Anordnung Jesu in Sachen der Räuber.

01] Sagt der eine junge Pharisäer: »Hoher, erhabener, mächtiger Geist! Vieles ja, aber alles noch lange nicht! Aber wir alle danken dir inbrünstigst dafür; denn du hast wahrlich mit dem großen Himmelsschlüssel Geheimnisse eröffnet, von denen wir früher auch nicht eine allerleiseste Spur hatten. Wir werden uns auch von nun an alle erdenkliche Mühe geben, auf der rechten Lebensbahn fortzuschreiten; nur möchten wir sie noch näher kennenlernen. Für heute aber haben wir schon zur Übergenüge; denn bis das unser Geistmagen verdauen wird, brauchen wir einige Zeit. Am morgigen Tage werden wir schon für Höheres und Tieferes empfänglicher sein, als das heute der Fall sein konnte.
02] Jetzt aber möchten wir bloß noch den höchst weise scheinenden Mann, der an der Seite des hohen Statthalters ruht und sich ganz geheim mit ihm bespricht, irgend einige Worte der Weisheit aussprechen hören; denn der, wenn auch kein Engel, scheint euch alle weit zu übertreffen, - denn seine Mienen und sein gewisserart stoischer Gleichmut während deiner Engelsrede verrät Tiefstes und Größtes!«
03] Sagt Julius: »Da habt ihr wohl recht; aber es ist der Mann eben nicht so leicht, als ihr es meinet, zum Reden zu bringen. Wenn Er gerade will, da spricht Er oft viel, und es ist da ein jedes Wort wie eine ganze Schöpfung voll Weisheit; aber wenn Er geradewegs nicht reden will, so kann Ihn nicht leichtlich jemand dazu bewegen. Versuchet ihr es aber selbst, redet Ihn an, und Er wird euch schon irgendeine Antwort geben!«
04] Sagt der junge Pharisäer: »Nein, dazu gebricht es mir am Mute; denn der könnte unsereinem eine Antwort geben, daß man daran sein Leben lang genug hätte! Darum lassen wir heute auch recht gerne ab von unserem sicher sehr unzeitigen Vorwitze!«
05] Sagt Julius: »Da tut ihr wahrlich sehr wohl daran! Morgen wird auch noch ein Tag sein; da wird sich vielleicht eher und leichter eine Gelegenheit ergeben, mit Ihm zum Worte zu gelangen, als heute. Vielleicht ordnet Er aber heute noch irgend etwas an, und ihr könnet Ihn da am leichtesten und ungeniertesten vernehmen.«
06] Damit beruhigen sich unsere jungen Pharisäer und warten auf eine Gelegenheit, Mich zu vernehmen.
07] Bald darauf aber kommt ein Wachtmeister vom Meere herüber, wo die bekannten Verbrecher gefangengehalten wurden, und sagt zum Julius: »Herr und Gebieter! Mit den fünf Raubmördern ist es nicht mehr zum Aushalten; denn sie führen eine so erschreckliche Sprache und machen dabei so entsetzliche Gebärden, daß sich darob alle Soldaten entsetzen und einige davon ob der erschrecklichsten und allerfrechsten Lästerungen kaum mehr dahin im Zaume zu halten sind, um sich an den Verbrechern nicht jählings zu vergreifen. Denn sie sagen: 'Wir wollen lieber sterben, als noch länger solche gar zu bösartigst frechste Lästerungen geduldig anhören!<«
08] Fragt Julius Mich, sagend: »Herr, was fangen wir da an?«
09] Sage Ich: »Es sind bis zum Morgen hin noch fünf Stunden, und diese Zeit müssen die fünf Hauptverbrecher aushalten! Da kann und darf ihnen kein Augenblick lang nachgelassen werden! So aber die Wächter die Lästerungen nicht vertragen können, so sollen sie sich zurückziehen, auf daß sie solche nicht hören; denn es wird darum auch nicht einer der Verbrecher durchkommen und lösen seine festen Bande. Dafür stehe Ich da! Die etlich sieben politischen aber leiden ohnehin keine bedeutende Not und sind ruhig; diese können mit den Wächtern weiter hereingezogen werden, und es wird sich morgen mit ihnen leichtmachen. Aber die Raubmörder werden uns allen noch genug zu schaffen machen. Also geschehe es; denn nur durch die große Qual kann die Seele der bösen Raubmörder von ihrem Satansfleische und dessen sehr bösen Geistern freier und freier gemacht werden, ohne welche Freimachung an irgendeine Heilung gar nicht zu denken ist.«
10] Auf diese Meine Worte entfernt sich der Wachtmeister und setzt alsogleich Meinen Rat in Vollzug.


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