Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 233


Verhör der verbrecherischen Pharisäer. Strenges Urteil des Oberrichters über die Kinderräuber.

01] Es werden nun schnell Voruntersuchungen angestellt, und als die bald beendet sind, so werden die zwölfe vorgeführt. Als der Oberrichter sie befragt, so sagen sie: »Wir sind Herren für uns und haben unser Gericht im Tempel zu Jerusalem; außer Gott und diesem Gerichte aber sind wir für all unser Tun und Lassen niemandem irgendeine Antwort zu geben schuldig, und so magst du uns fragen, wie du willst, so wirst du dennoch keine Antwort mehr von uns erhalten; denn wir stehen auf gesetzlichem Boden, der sehr fest ist, und ihr werdet uns nichts anhaben können.«
02] Sagt der Richter: »Für derlei Renitenzen (Widerspenstigkeiten) habe ich ein Mittel bei mir: es besteht in Rute und Peitsche! Diese werden euch schon zum Reden bewegen! Denn das Gericht kennt keinen Standesunterschied; vor dem Gesetz ist jeder gleich!«
03] Sagt der erste der zwölf Pharisäer: »Oh, dies Mittel kennen wir und seine Kraft und Wirkung; aber wir kennen noch ein anderes Mittel! So wir uns dessen bedienen wollen und wahrscheinlich werden, da dürften wir schier die letzten sein, über die du ein Gericht zu halten wagst! Kennst du das berühmte Zeugnis vom Cäsar Augustus, das er eigenhändig geschrieben den Priestern Jerusalems zukommen ließ, wo er sagt:
04] ,Diese Priesterkaste ist dem Kaiserthrone Roms günstiger denn jede andere; darum sollen aber auch alle ihre Gesetze und Privilegien als heilig beschützt sein! Weh dem, der sie angreift! Der Frevler soll als ein Hochverräter zur schärfsten Strafe gezogen werden! Dieses Gesetz gilt gleichfort, heute so wie vor dreißig Jahren. So es dir unbekannt sein sollte, haben wir es dir nun ins Gedächtnis gerufen. Tue nun, was und wie es dir beliebt; wir aber werden dann tun, wie es uns belieben wird!
05] Wir haben unsere Pfänder mit allem gesetzlichen Recht in unseren Händen, und niemand kann und darf sie uns nehmen. Momentane Gewalt kann solches wohl tun, da unsere Gegengewalt zu geringe ist; aber so wir uns hier auslösen, müssen wir in die Freiheit gesetzt werden, und dann werden wir eine weitere Verhandlung zu veranlassen verstehen!«
06] Sagt der Oberrichter: »Wegen des Pfandes, das ihr vor Gott und allen ehrlichen Menschen zwar auch vielmehr als einen schmählichsten Raub denn als irgendein wahrhaft rechtliches Gut an euch gerissen habt, sitze ich hier auch gar nicht zu Gerichte über euch, da ich leider nur zu gut weiß, welche Privilegien ihr durch eure Heuchelkünste dem Kaiser abgenötigt habt.
07] Hätte euch ein Augustus gekannt, wie ich euch kenne, wahrlich, ihr hättet von ihm ein ganz anderes Zeugnis überkommen! Aber leider hat er sich durch einen falschen Schimmer täuschen lassen und hat euer Lampengeflimmer für ein Sonnenlicht angesehen und hat euch darum ein Privilegium erteilt.
08] Aber es liegt nun an mir und dem Obersten Kornelius, euch dem Kaiser in eurer wahren Gestalt zu zeigen, und ihr werdet eures Privilegiums bald ledig werden! Übrigens mögt ihr mir Gegendrohungen machen, wie ihr wollt; denn auch ich bewege mich auf gesetzlichem Boden, und wir Oberrichter dieses Landes haben erst vor kurzem eine neue Verordnung in bezug auf eure dem Kaiser nicht mehr unbekannten Umtriebe erhalten, und zwar mit der schärfsten Aufforderung, auf euch ein schärfstes Augenmerk zu richten, und ich versichere euch, daß wir Oberrichter dieser neuesten Verordnung aus Rom überaus treu und gewissenhaft nachkommen und haben euch schon auf eine euch sicher nicht sehr liebsame Weise gezeichnet! Verstanden?!
09] Ihr saugt gleich den afrikanischen Basilisken den Untertanen des Kaisers den letzten Tropfen Blutes aus, macht sie zu Bettlern, und was ihr noch überlaßt, das nimmt der Landespächter Herodes, damit er alle seine tausend Buhldirnen fett und üppig füttern kann. Das arme Volk aber muß verschmachten im größten Elende! Ist das recht?!
10] Wenn es irgendeinen Gott gibt, der nur soviel Rechtsgefühl besitzt als ich und soviel Liebe hat zu den Menschen als mein Rock, so ist es unmöglich, solche Teufel, wie ihr und euer Herodes es seid, über die arme Menschheit noch länger herrschen zu lassen!
11] ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!' lautet ein moralisches Gesetz in eurem Buche, das euer Gott euch soll gegeben haben; wie aber befolgt ihr es?!
12] Wahrlich, euer Gesetz, das ihr allzeit fleißig ausübet, heißt Haß gegen jedermann, der euch in eurem geilsten und wollüstigsten Leben nicht allergewaltigst unterstützen will! Aber leider habt ihr euch zu dem Zwecke ein Gesetz erschlichen, auf das gestützt ihr nun allerlei nie erhörte Erpressungen vornehmt.
13] Glücklicherweise aber habt ihr bei dem vorliegenden Falle über eure rechtlich sein sollende Pfändung eine Tat begangen, für deren nur scheinbare Rechtlichkeit aber auch kein mir bekanntes Gesetz spricht, und diese Tat, der allein wegen ihr hier vor mir zu Gerichte steht, heißt Waldfrevel, den ihr in einer großen Ausdehnung in den schönen Waldungen des Kisjonah begangen habt, der ein Grieche und ein fester, allein kaiserlicher Untertan ist, dessen Rechte jeder Kaiser Roms mit einer vollen Legion beschützen würde, so sie nur im geringsten angetastet würden, da er dafür dem Kaiser jährlich tausend Pfund bezahlt, was wahrlich keine Kleinigkeit ist.
14] In der ganzen Wegesstrecke in der Länge von nahe fünf Stunden Weges habt ihr bei der Anlegung eures geheimen Schmuggelweges nahe tausend schöne junge Zedern und mehrere tausend andere geringere alte und junge Baumstämme verwüstet und habt dem Kisjonah einen Schaden von mehr als zehntausend Pfunden verursacht laut Ausweises beeideter Schätzleute. Nun, wie werdet ihr solchen Schaden vergüten?!«
15] Sagt der erste Pharisäer: »Weißt du denn nicht, daß die Erde Gottes ist und wir Seine Kinder sind, denen allein Er diese Erde gegeben hat? Wie aber Gott Selbst das Recht hat, mit der Erde zu machen, was Er will, desgleichen haben auch wir als Seine Kinder das Recht und können mit der Erde machen, was wir wollen. Hat uns auch irgendeine heidnische Gewalt auf eine Zeit dies Recht entrissen, so wird sie es dennoch nicht lange besitzen; Gott wird es ihr nehmen und wieder uns, Seinen Kindern, geben.
16] Vom Gottesrechte aus betrachtet haben wir keinen Waldfrevel zu vergüten, da die Erde unser ist und wir mit ihr machen können, was wir wollen. Aber der größeren irdischen, freilich nur scheinbaren Gewalt zufolge, die ihr Römer nun über uns widerrechtlich ausübt, werden wir uns zur Vergütung wohl herbeilassen; aber von zehntausend Pfunden dürften etwa wohl neun Zehntel wegfallen; denn soviel Kenntnisse haben wir auch, daß wir wohl einsehen können, wieviel die Bäume wert sind, die wir gefällt und natürlich nur den wenigsten Teil davon benützt haben zum allfälligen Brückenbau; und was ist denn im Grunde so viel Schadens?! Es besteht nun ein neuer Weg, den der Zöllner Kisjonah gar wohl benutzen kann! Hätte er ihn selbst angelegt, so wäre er ihm auf wenigstens tausend Pfunde zu stehen gekommen; nun kann er dort eine neue Maut errichten, und in einem Jahre hat er dreimal soviel eingenommen, als was uns der ganze Weg gekostet hat.«
17] Sagt der Oberrichter: »Im Namen des Kaisers und dessen weisen Gesetzes verurteile ich euch, da der Schaden durch beeidete Schätzleute erhoben ist, und weil ihr als vorgeschützte Kinder Gottes euch alle Gewalt über die ganze Erde anmaßt und somit auch schlußfolgerichtig der Kaiser unter eurer Gewalt steht, wovon ihm bisher wahrscheinlich noch nichts geträumt hat, ihr aber durch solch eine schändlichste Anmaßung zu baren Majestätsbeleidigern gegen die heilige Person des Kaisers geworden seid, zu 20 000 Pfund Geldstrafe, wovon ein Drittel dem Kisjonah zugute kommt, zwei Drittel aber dem Kaiser; zudem seid ihr aller eurer Pfänder als verlustig erklärt!
18] Weil aber auf die Majestätsbeleidigung entweder der Tod oder ewige Verbannung als unwiderrufliche Strafe gesetzt ist, so habt ihr nun zu wählen, was euch lieber ist, entweder die Enthauptung durch das Beil oder ewige Verbannung nach Europas Eislande! Ich habe geredet im Namen des Kaisers und dessen weisen Gesetzes! Es geschehe dies alles sogleich! Es mag darob alle Welt zugrunde gehen, aber das Recht werde geübt!
19] Seht, so handelt ein Oberrichter aus Rom und fürchtet niemand, außer die Götter und den Kaiser!«
20] Darauf läßt er sich nach römischer Sitte Wasser geben und wäscht sich die Hände; ein Büttel aber bricht einen Stab entzwei und wirft ihn den zwölfen unter die Füße.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers