Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 187


Das Heil (= Jesus) kommt von den Juden. Jesu Vergleich zwischen dem Tempel zu Jerusalem und dem zu Delphi. Evangelium der Liebe.

01] Es machte sich aber Ahab, der junge Pharisäer, von den Alten weg und war recht froh darob, daß Ich den Alten solche Wahrheiten gesagt habe. Er fragte Mich aber heimlich, ob denn auch er ein so arg Besessener sei.
02] Ich aber sagte freundlichen Antlitzes zu ihm: »Wärest du es, so würdest du Mich nicht also fragen. Du warst bis jetzt für den Satan auch noch eine dürre Stätte; siehe aber zu, daß du für ihn nicht zu einem fruchtbaren Felde werdest! Nimm dich darum sehr in acht vor deinen argen Kollegen!«
03] Sagt Ahab: »Herr und Meister! Verlaß nur Du mich nicht, so wird mir der Hölle Macht sicher nie etwas anhaben können! An meinem Eifer für Dich soll es keinen Mangel haben!«
04] Sage Ich: »Gehe hin! Du sollst stark sein durch deinen Glauben und Eifer für Mich! Aber sieh dich wohl vor, daß dich deine Kollegen nicht in irgendein Garn treiben; denn ihre Teufel haben eine feine Nase und ein scharfes Gehör für ihre bösen Zwecke!«
05] Sagt Ahab: »Herr, Du kennst mich nun sicher besser, denn ich mich selbst! Meine List ist fein und schlau; der Teufel aber ist, wie man sagt, blind, und daher werden sie sich alle ansehen, wenn ich sie am Eise (aufs Eis geführt) haben werde. Es soll heute noch ein Pröbchen mit ihnen abgeführt werden. Ich werde nun laut mit Dir ein paar scharfe Worte wechseln, auf daß sie es nicht merken sollen, was ich mit Dir geredet habe; aber Du darfst mir darum ja nicht gram werden!«
06] Sage Ich: »Tue, was du willst; aber sei in allen Dingen vor allem gut, klug und wahrhaftig; denn eine Lüge, so guter Art sie auch sein möge, hilft nur zeitweilig und bringt einen Menschen kurz darauf in Nachteil und Schaden!«
07] Sagt Ahab: »Auch gut, so sage ich vorderhand gar nichts!«
08] Sage Ich: »Das wird besser sein! Denn schweigen zur rechten Zeit ist besser, als noch so gut zweckdienlich lügen!«
09] Mit dieser Belehrung zieht sich Ahab zwischen der Volksmenge wieder zurück zu seinen Kollegen, von denen ihn aber dennoch einer bemerkt hatte, wie er sich mit Mir besprach. Dieser fing mit ihm auch sogleich ein scharfes Examen an. Aber Ahab half sich gut durch, und der strenge Examinator mußte ihn am Ende sogar noch beloben.
10] Ich aber wandte Mein Gesicht ab von den Pharisäern und fing an, Mich mit dem Volke zu besprechen. Ich zeigte ihm, wie es nicht billig sei vor Gott, das Judentum zu verlassen, weil das Heil aller Menschen nur von den Juden komme, und daß sie wieder, so wie es zuvor einige im Herzen getan haben, zum Judentume zurückkehren sollen der vollen Wahrheit nach, ansonst es nicht möglich sei, die Kindschaft Gottes zu erlangen.
11] Fragt und sagt ein Grieche: »Sollen wir sonach wieder unsere Knie vor den aufgeblasenen Pharisäern beugen und ihren alten unverdaulichen Sauerteig fressen? Freund, du bist zwar ein großer Meister voll Kraft und Macht der Gottheit und bist gut und weise und gerecht, aber da verlangst du etwas sehr Ungereimtes von uns. Zum Moses brauchen wir nicht zurückzukehren - aus dem ganz einfachen Grunde, weil wir ihn der Tat nach noch nie verlassen haben, und der Gott der Juden ist auch der unsrige im Herzen; der äußere Name, ob Jude oder Grieche, wird doch hoffentlich der Weisheit Gottes keinen Eintrag tun?! Uns aber ist er dennoch eine gute Schutzmauer gegen die unausgesetzten Verfolgungen und Neckereien der Pharisäer! Warum sollen wir da wieder Juden und nicht Griechen heißen?!
12] Siehe, das ist keine kluge Forderung von dir an uns! Was liegt denn daran, so wir nebst Moses auch die Wissen der Griechen nebst ihrem poesiereichen Göttertume kennenlernen, deren weise entsprechende Dichtung doch ganz was anderes ist als der teure Tempelmist?! Zumal wir ohnehin nichts darauf halten, indem wir nur zu gut wissen, wie die griechischen und später römischen Götter entstanden sind, und daß Jehova einzig und allein Gott ist über alles, der alles erschaffen hat und gleichfort alles erhält und regiert!«
13] Sage Ich: »Freund, du redest und hast Mich doch nicht verstanden, während jene, die Mich verstanden haben, nicht reden, da sie doch ebensogut Griechen sind als du. An dem Namen liegt wohl freilich nichts, sondern am Glauben des Herzens! Aber das ist dennoch auch wahr und wohl zu berücksichtigen, daß es besser ist, eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen und den Festen mit gebührender und vernünftiger Andacht beizuwohnen, als eine Reise nach Delphi zu machen und die unsinnige Pythia zu fragen um einen rechten Rat!
14] Die ungeheuren Mißbräuche des Tempels sind Mir sicher besser bekannt denn euch, und ihr habt von Mir gehört, wie sehr Ich dawider bin. Aber bei aller Schlechtigkeit ist der Tempel dennoch unvergleichlich besser denn der zu Delphi, dessen Priester und Priesterinnen nichts als recht feine Dialektiker sind und auf jegliche Frage eine sogestaltige Antwort zu geben wissen, daß sie am Ende recht haben müssen!
15] Als du dir ein Weib zu nehmen vornahmst, da machtest du zuvor nach Delphi eine Reise und fragtest daselbst ums viele Geld die Pythia, ob du glücklich sein werdest mit dem Weibe, das du zu nehmen gesonnen seist. Sage Mir, wie lautete die Antwort?«
16] Sagt der Grieche: »Ganz gut, also: 'Mit dem Weibe wirst du glücklich sein, nicht wohl unglücklich!' Und sieh, das Orakel hat mir wahrgesagt; denn ich bin mit meinem Weibe wirklich glücklich!«
17] Sage Ich: »Siehe, das Orakel aber hätte auch recht gehabt, wenn du unglücklich wärest mit deinem Weibe«
18] Sagt der Grieche: »Das sehe ich nicht ein, wie das möglich wäre!« Sage Ich: »Weil du im Geiste blind bist! Sieh, der Satz lautet also: 'Mit deinem Weibe wirst du glücklich sein nicht wohl unglücklich.' Sobald du den Satz teilest nach der Verneinung, so hat das Orakel recht, wenn du unglücklich wärest; denn dann würde der Satz, ohne im Wortgefüge nur im geringsten verändert zu sein, also lauten: 'Mit deinem Weibe wirst du glücklich sein nicht, wohl unglücklich!'
19] Willst du's aber Mir nicht glauben, so frage deinen Nachbar, der ein Jahr darauf in einer ähnlichen Angelegenheit nach Delphi gereist ist, ob seine Antwort der deinigen nicht auf ein Haar gleicht! Und er ist mit seinem Weibe unglücklich, da sie eine Hauptmetze ist; aber das Orakel hat bei ihm ebenso recht wie bei dir, und du hältst dennoch große Stücke auf dasselbe! Urteile nun selbst, was da besser ist, der Tempel zu Jerusalem oder das Orakel zu Delphi?!«
20] Hier macht der Grieche große Augen und sagt: »Meister, nun ist mir alles klar! Solches kann nur ein Gott und nie ein Mensch wissen. Du bist entweder Selbst Gott oder bist wenigstens ein von Gott gezeugter Sohn und kein Sohn irgendeines Menschen wie wir! Wir wollen uns daher wieder an den Tempel wenden, aber nicht unter der Zuchtrute der Pharisäer, sondern völlig frei! Diese Pharisäer aber müssen gehen; denn sie haben mit uns zu große Betrügereien getrieben und uns nahe von aller unserer Habe entblößt, geistig und naturmäßig! Wir bleiben demnach dem Namen nach Griechen, aber der Wahrheit nach im Herzen vollkommene Bekenner Mosis und der Propheten! Wir werden auch jährlich nach Jerusalem ziehen und den Tempel besuchen; und soll dieser versperrt werden, so bleibt uns die Halle der Fremden offen, die doch auch ein Teil des Tempels ist.«
21] Sage Ich: »Tut da, was ihr wollt; nur bewahret eure Herzen vor Falschheit, Zorn, Rache und Verfolgungslust! Seid dabei keuschen und reinen Sinnes; liebet Gott wahrhaft über alles und eure Nächsten wie euch selbst, segnet, die euch verfluchen, tut nicht Böses denen, die euch hassen und verfolgen, so werdet ihr Gott wohlgefällig sein, werdet Ruhe haben und über die Häupter eurer Feinde glühende Kohlen sammeln!« (vgl. Sprüche.25,22 Römer.12,20)


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers