Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 175


Jesus mit Anhängern wieder in der Alphütte. 'Sabbatheiligung' der Pharisäer. Abschied vom Berg und Abstieg ins Tal.

01] Wir begeben uns nun schnell hinab, und Kisjonah eilt Mir entgegen, um Mich und alle die Jünger zum Morgenmahle zu bitten, bittet aber auch zugleich um Vergebung, wenn die Tische heute etwas mäßiger besetzt seien als sonst; denn die Vorräte seien bereits bis aufs heutige Morgenmahl erschöpft und er habe darum nichts nachholen lassen, indem er wußte, daß Ich heute als am Sabbate vom Berge Mich wieder hinab in die Tiefe begeben werde. Wenn daher das Morgenmahl etwas geringer ausfallen dürfte, als es sonst der Fall war, so möchte Ich so was ja nicht seinem Willen, sondern diesmal nur seiner diesmaligen, von seiner Seite ganz unverschuldeten Unvermögenheit zur Last legen!
02] Ich vertröstete ihn und sagte: »Sei darob nur du ganz ruhig und ohne alle Sorge! Es ist also ganz gut und recht, und es geht alles nach Meinem Willen; übrigens muß Ich dir als Meinem liebsten Bruder und Freunde bemerken, daß du dich diese etlichen Tage hindurch ohnehin etwas zu viel angegriffen hast.
03] Was die ungeladenen Gäste, die Legion von Pharisäern betrifft, so hättest du durchaus keine Sünde begangen, so du ihnen keinen Tisch gedeckt hättest; denn die haben Gold und Silber in großer Menge und hätten sich, so sie hier sein wollten, schon auch selbst erhalten können! Aber freilich hast du darum eben auch nicht gesündigt, weil du sie unentgeltlich verpflegt hast. Solltest du aber ihnen eine Rechnung machen wollen, so werde Ich dich darob nicht tadeln. Den alten Tobias aber nehme Ich über Mich.«
04] Sagt Kisjonah: »Das werde ich auch tun; es gibt aber viele, die da arm sind, denen soll die Zeche zugute kommen! Aber nun wolle, o Herr, das etwas spärliche Mahl mit Deinen Jüngern verzehren; die Pharisäer schlafen noch in der großen Schafhütte, und ich möchte, daß sie nicht mit uns essen möchten!«
05] Sage Ich: »Laß es! Wecke sie und lade sie zum Mahle! Ich werde heute bis Mittag mit all den Meinen fasten; in der Tiefe werden wir dann erst ein rechtes Mahl halten.«
06] Kisjonah tut sogleich, was Ich ihm sagte, obschon es ihm etwas hart ums Gemüt geschieht. Die Pharisäer und ihre Genossen erheben sich behende vom Lager und eilen zum Morgenmahle, das sie auch trotz des Sabbats mit großer Hast verzehren; denn sie fürchten, daß die Sonne, die zwar schon lange aufgegangen ist, aber noch nicht die Hütte bescheint, weil diese gegen Abend knapp an einer hohen Felswand erbauet ist, denn doch eher die Hütte bescheinen könnte, und da dürften sie nicht mehr essen als nach dem Untergange erst oder im Tempel zu Jerusalem während der Handlung des Sabbatbrechens.
07] Kisjonah bemerkt das vor Mir und sagt: »Es ist wirklich sogar recht lustig diese Geschichte; bei denen fängt der Sabbat erst dann an, wenn der Sonnenstrahl den Punkt bescheint, an dem sie sich befinden! Wie Du, o Herr, es nun schon mehrere Male gesehen hast, so kommt die Sonne erst gen Mittag zu dieser Hütte, und diese Augendiener würden sonach erst am halben Tage den Sabbat antreten und ihn zu feiern beginnen. Sind das aber doch Kerls, wie sie sonstwo die liebe Erde kaum tragen dürfte!«
08] Sage Ich: »Lassen wir sie nun; es wird sich gar bald, und zwar noch ehe wir die völlige Tiefe erreicht haben werden, mehrfache Gelegenheit darbieten, ihnen ihren Sabbat unter die Nüstern zu reiben. Das ist aber alles noch nichts, wie sie den Sabbat pfiffig umgehen können, so sie wollen und der Sabbat in ihren Synagogen ihnen keine reiche Ernte verspricht: sie verschließen dann Fenster und Türen, so daß die Sonne ihr Licht in die Gemächer solcher Augendiener nicht spenden kann, und da und dann ist kein Sabbat im Hause! Also gilt ein trüber Tag auch nicht für einen vollen Sabbat, außer sie zünden in ihren Synagogen ihre siebenarmigen Leuchter an, natürlich um ein allzeit bei solcher Gelegenheit reichliches Opfer! Aus welchem Grunde ihnen denn auch ein trüber Sabbat stets lieber ist als ein so heiterer wie der heutige.
09] Aber es wird sich heute schon noch eine Gelegenheit darbieten, wie Ich schon eher bemerkt habe, wo wir solches ans Tageslicht stellen werden. Aber nun machen wir uns auf den Weg; denn es wird heute sehr warm werden, und in der großen Hitze ist es nicht angenehm zu reisen.«
10] Darauf brechen wir auch sogleich auf und gehen schnellen Fußes vom Berge ins Tal hinab, und die Pharisäer keuchen hinter uns her und ärgern sich über unsere schnellen Tritte; einer ruft uns sogar nach und sagt: »Warum laufet ihr denn gar so unsinnig? Habt ihr denn in der Höhe etwas gestohlen?!«
11] Der jüngere Matthäus, der Apostel, aber kann es ihnen nicht schenken und entgegnet ihm: »Wir gehen mit unseren höchst eigenen Füßen, so wie ihr mit den eurigen, und gehen daher so gut und so schnell, als wir wollen, wofür wir euch hoffentlich doch keine Rechnung zu legen schuldig sind; auch haben wir mit euch zuvor auch nicht bedingend und verbindlich abgemacht, wie schnell wir vor euch gehen sollen! Darum haltet euren Mund und gehet euren Weg, wie ihr könnt und mögt! Wir kümmern uns um euch nicht; was kümmert ihr euch denn um uns?!«
12] Sagt ein schon dadurch ganz ärgerlich gewordener Pharisäer: »Was schwätzest du dummer Zöllner; weißt du denn nicht, daß heute Sabbat ist, an dem niemand hadern soll?!«
13] Sagt Matthäus: »Soll der Sabbat bloß mir gelten und euch nicht?! Wer wohl hat zuerst gehadert?! Steht es doch nirgends geschrieben, daß man am Sabbat nicht schnell gehen solle; im Gegenteil verlangt ihr sogar, daß man am Sabbat nicht säumenden Fußes auf dem Wege zur Synagoge sein solle, und sonach übertreten wir ja sogar euer Gesetz nicht, so wir heute als an einem Sabbat etwas schneller gehen denn an einem andern Tage. Im Dorfe unten besteht ja auch eine kleine Synagoge, in die wir, so wir recht schnell gehen, sicher noch zur rechten Zeit kommen können; was wollt ihr von uns dann noch mehr?!«
14] Sagen die Pharisäer: »Ja, so wie du sehen die aus, die in die Synagogen und Schulen eilen! Es ist nur zum Lachen, wenn ein Zöllner von einer Synagoge spricht! Wir kennen dich etwa nicht?! Du bist mehr ein Heide denn ein geborener Grieche und willst von einem Eifer für die Synagogen reden, du schwarzer Frevler?!«
15] Sagt Matthäus: »Jetzt habt ihr aber bald Zeit, eurem Munde einen Zaum anzulegen, sonst werden wir uns die sonderliche Freiheit nehmen, mit Knitteln an eurem Rücken den Sabbat zu brechen! Da sehe ein Mensch einmal diese ewigen Tagediebe an, was sie sich für Rechte über uns einräumen wollen! Noch ein beleidigendes Wort, und ich werde des Sabbats und meiner Menschheit vergessen und mit euch wie ein Bär zu verfahren anfangen!« Auf diese Drohung sagen die Pharisäer zwar nichts mehr, aber in ihrem Innern sind sie voll Grimms.


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