Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 156


Friedensgeister im kühlen Morgenwind. Abstieg von der Bergesspitze. Mehrtägiger Aufenthalt auf der Bergwirtschaft. Kritiker der mosaischen Schöpfungs- und Entwicklungslehre Jesu.

01] Nach dieser erklärenden Rede, von der Kisjonah sagte, daß sie ihm keine weitere Frage übriglasse, fing auch der kommende Tag im Osten an zu grauen, und unseres Berges Spitze, auf der wir uns noch immer ganz wohl befanden, fing ein sehr kühles Morgenlüftchen zu beschleichen an, und Kisjonah machte den Vorschlag, daß wir uns unterdessen etwa in die nächste Alpenhütte hinabbegeben sollten, bis die Sonne aufgegangen sein werde.
02] Sage Ich: »Lassen wir das! Dies Morgenfröstchen auf dieser Höhe schadet wohl niemand, sondern stärkt jedermanns Glieder; zudem dauert es nicht lange, und es muß also sein, da sonst eine gewisse Art von Geistern, die hier nicht näher zu bezeichnen ist, dem Tage ein böses Wetter brächte, so sie nun beim Aufgange von starken Friedensgeistern nicht verhindert würde, aufzusteigen in die Luft.«
03] Damit begnügte sich Kisjonah, und wir blieben noch bis zum Mittage des kommenden Tages auf der Spitze des Berges. Nach dem Mittage aber begaben wir uns wieder hinab in die Alpenwirtschaft und brachten allda noch ein paar Tage zu unter allerlei Besprechungen über die Lebenspflichten des Menschen und über die Natur der Erde, der Sterne und allerlei anderer Dinge.
04] Vieles ging dem noch immer etwas mehr finstern Teile der Juden und bei Mir gebliebenen Pharisäer nicht ein, aber sie widersprachen dennoch nicht; denn diese Juden und Pharisäer, die schon vom ersten Tage an Meines Besuches in des Zöllners Kisjonah Hause sich zu Mir gewandt hatten, waren wirklich sonst gewecktere und bessere Geister, und nüchterne Denker hielten nun schon große Stücke auf Mich und nahmen Mein Wort als göttlich an. Sie sind darum nicht zu vergleichen mit jenen, die nach Kapernaum zurückgetrieben wurden, und auch nicht mit jenen, die das Beben des Berges um etwas über vier Tage früher wieder in die Tiefe hinabtrieb.
05] Obschon aber die obbesagten besseren Juden und Pharisäer nun schon fest sich an Mich hielten, so zuckten sie doch bei manchen Meiner Erklärungen über die wirkliche Entstehung oder eigentlich gradative (stufenweise) Schöpfung der Erde und aller Dinge in und auf ihr, sowie desgleichen aller zahllosen andern Weltkörper, mit den Achseln und sagten bei sich: »Das ist denn doch wohl schnurgerade antimosaisch! Wo sind da die sechs Schöpfungstage, wo der Sabbat, an dem Gott geruht hat? Was ist nachher das, was Moses berichtet über die Entstehung alles dessen, das nun in allen Teilen die Welt ausmacht? So uns dieser Wundertäter aus Nazareth nun darüber eine ganz andere Lehre gibt, die die mosaische gänzlich aufhebt, was sollen wir dazu sagen? Hebt er aber Moses auf, so hebt er dadurch auch alle Propheten und am Ende auch sich selbst auf; denn ist Moses nichts, so sind auch die Propheten nichts und der zu erwartende Messias, der eigentlich er selbst sei, auch nichts!
06] Aber im Grunde ist seine Lehre richtig, und es kann mit der Schöpfung wohl eher so zugegangen sein, wie er sie nun erklärt hat, als wie davon Moses Kunde gibt.«
07] Da kam einer hin zu Mir und sprach; »Herr! Wenn so, was soll es dann mit Moses und all den Propheten?«
08] Sage Ich: »Diese sollen von euch im rechten Sinne und Verstande verstanden und begriffen werden!
09] Moses stellt in seiner Schöpfungsdarstellung nur Bilder auf, die die Gründung der ersten Erkenntnis Gottes bei den Menschen der Erde kundgeben, nicht aber die materielle Schöpfung der Erde und aller andern Welten.«


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