Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 109


Petri und Simon von Kanas Sorgen über die Zukunft der Lehre Jesu. Jesu Antwort darauf.

01] Petrus schüttelt den Kopf und zuckt mit den Achseln! Simon von Kana aber fragt ihn darob und sagt: »Was dünket dich denn? So der Herr es also vor uns geweissagt hat, da wird es auch sicher also kommen, und wir aber wissen nun doch, wie wir diese Sache zu nehmen und uns dabei zu verhalten haben. Was sollen wir da mit unseren Köpfen zweiflige Bewegungen machen und zucken mit den Achseln?!«
02] Sagt Petrus: »Lieber Bruder, mein Kopfschütteln und mein Achselzucken bedeutet ganz was anderes, als was du dadurch von mir zu verstehen scheinst!«
03] Sagt Simon: »Was dann, lieber Bruder?«
04] Sagt Petrus: »Sieh, des Herrn Wort und Tat ist heilig; wie glücklich könnten alle Menschen auf der Erde sein, so sie diese Lehre schon hätten und nach derselben lebten! Aber wenn so, das, dies und jenes, - oh, wann wird diese Lehre ein heiliges Gemeingut aller Menschen der Erde werden? Und so der Herr daneben noch dies und jenes wird geschehen lassen, wie wird dann in kurzer Zeit diese Lehre aussehen?! Wahrlich, also wird es geschehen, daß aus dieser allerköstlichsten Seelenspeise am Ende ein Hunde- und Schweinefutter wird! Und siehe, Bruder, das ist es, was mich den Kopf schütteln und die Achseln zucken macht!«
05] Sage Ich: »Petrus, laß du das! Du wirst tun, was zu tun dir auferlegt wird; um die Wirkung hast du dich weiter nicht zu kümmern! Was da kommen wird und in aller Tiefe der Weisheit und Liebe kommen muß so oder so, darum weiß bloß der Vater und der auch, dem es der Vater offenbaren will, wie, wann und warum solches alles zugelassen wird, daß es geschehe!
06] So du aber kommst in eine große Werkstätte eines Künstlers und siehst viele und verschiedenartige Werkzeuge, weißt du wohl, wie sie der Künstler zur Hervorbringung eines Werkes gebraucht? Du wirst da wohl auch deinen Kopf schütteln und zucken mit den Achseln, aber dadurch wirst du nicht ins klare kommen, wie etwa doch der Künstler seine vielen und mannigfachen Werkzeuge benutzt, und wie durch sie irgendein künstliches Werk zustande gebracht wird. So es dir aber der Künstler erklären will, so wirst du dann auch wissen, wie es dir der Künstler erklärt hat.
07] Ich sage dir aber: Über alle Künstler hinaus ist Gott, und die größte Kunst ist, aus sich gestalten ein selbständiges freiestes Leben in zahllosen Einzelwesen! Dazu gehören denn wohl auch endlos mannigfache geistige Werkzeuge; und du wie die Maria und alle Menschen sind zu diesem einen solche ebenfalls verschiedene Werke und Werkzeuge, die der Vater im Himmel allein allerweisest zu gebrauchen versteht!
08] Darum kümmere dich nicht weiter, als bloß nur um das, wozu du berufen bist, so wirst du als ein rechtes Werkzeug in der Hand des Vaters die rechten Dienste leisten!
09] Oder ist die Wurfschaufel über den, der sie als ein Reinigungswerkzeug gebraucht?! Wenn sie taugt, so wird mit ihr der Weizen, die Gerste und das Korn gereinigt; taugt sie aber nicht, so wird sie tauglich gemacht oder ins Feuer geworfen! So dich aber der Vater zur Wurfschaufel gemacht hat, da bleibe, was du bist, und wolle nicht, daß du auch ein Topf seiest! Verstehst du das?«
10] Sagt Petrus: »Herr, das ist etwas dunkel. Es kommt mir wohl vor, als verstände ich's; aber so ich weiter denke und den Grund suche, so verstehe ich dann dies geheimnisvoll klingende Bild nicht. Wie kann man Werk und Werkzeug zugleich sein, und wie bin ich eine Wurfschaufel?«
11] Sage Ich: »Ist denn nicht ein jegliches Werkzeug in sich zuvor, ehe es der Künstler gebraucht, ein vollendetes Werk in seiner Art, auf daß es der Künstler gebrauchen kann zur Hervorbringung eines andern Werkes oder zur zweckdienlichen Verrichtung irgend einer Arbeit?!
12] Ich sagte aber, daß du in der Hand des himmlischen Vaters eine Wurfschaufel bist, weil du und die anderen Jünger nun von Mir unterwiesen werden, die Menschen zur wahren Erkenntnis Gottes zu erheben.
13] Die Menschen der Welt sind gleich Weizen, Gerste und Korn. Aber dies lebendige Getreide wächst nicht ohne Spreu und unflätigen Staub. Auf daß aber dieses Getreide, das heißt diese Weltmenschen, von ihrer Spreu und ihrem Unflate gereinigt und sodann als ein völlig reines Getreide in die ewigen Scheuern des Vaters gebracht werden möchten, werdet ihr nun zu rechten und lebendigen Wurfschaufeln umgestaltet, durch die der Vater im Himmel Sein Getreide reinigen wird. Versteht ihr nun dieses?«
14] Sagt Petrus: »Ja, Herr, nun ist uns die Sache vollends klar; nur möchten wir nun noch hinzuwissen, indem Du immer vom Vater im Himmel redest wie von einer zweiten Person, während wir seit Sichar her immer Dich so ganz heimlich auch für den Vater hielten, wer denn dann Du so ganz eigentlich bist! Bist etwa auch Du in der Hand des Vaters eine Wurfschaufel oder irgend ein anderes Werkzeug?«
15] Sage Ich: »Ich bin zuerst Der, Der Ich bin; dann aber bin Ich auch Der, Der Ich das nicht zu sein scheine, was Ich bin! Ich säe und ernte, wie der Vater säet und erntet, und wer Mir als eine Wurfschaufel dient, der dient gleich auch dem Vater; denn wo der Vater ist, da ist auch der Sohn, und wo der Sohn ist, da ist auch der Vater. Der Vater aber ist dennoch über den Sohn, und der Sohn geht aus vom Vater; den Vater aber kennt niemand, außer allein der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. - Versteht ihr das?«
16] Sagt Petrus: »Herr, das versteht kein Engel, geschweige wir! Aber so Du wolltest, da könntest Du uns ja einmal den Vater zeigen!«
17] Sage Ich: »Jetzt seid ihr dazu noch nicht reif; aber es wird in Kürze die Zeit kommen, wo ihr reif sein werdet, und da werdet ihr alle auch den Vater sehen.«
18] Bei diesen Worten kommt die Maria und ihre Helferinnen und kündet uns an, daß das Morgenmahl bereitet sei. Sogleich werden die Tische gedeckt und das Mahl hereingetragen.


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