Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 95


Streit zwischen Thomas und Judas.

01] Es trat nun Thomas zum Judas Ischariot hin und machte ihm Vorwürfe, wie er es wagen könne, Mir seine dummen Geldideen vorzutragen, indem Ich doch im Geiste Jehova Selbst wäre und Taten verrichte, die nur Gott allein möglich seien!
02] Sagt zu ihm Judas: »Du bist noch so blöde, als wie du es allzeit warst! Denn entweder glaubst du jede Altweibermäre, oder du glaubst, so es dir gerade in den Sinn kommt, gar nichts! Du denkst nichts und rechnest nichts! So du Fische auf den Markt trugst, so verkauftest du nicht selten die kleinen wie die großen, daß dir die Käufer darob ins Gesicht lachten! Wie du aber noch allzeit warst, so bist du auch noch jetzt und denkst nichts und rechnest nichts, sondern lebst so hübsch dumm gleichfort in den Tag hinein nach deiner alten Gewohnheit.
03] Ich bin nun erst einige Stunden hier in der Gesellschaft dieses großen Propheten, und es ist mir eine heilige Pflicht, Ihn zu erforschen und soviel als nur möglich kennenzulernen in Seiner Gesinnung wie in der Tendenz Seines Auftretens! Du bist beiläufig nun schon ein halbes Jahr um Ihn und mußt Ihn daher auch besser kennen als ich! Sollte ich aber deshalb, weil du Ihn schon kennst, mir gar keine Mühe nehmen, Ihn auch wenigstens insoweit zu erkennen, als du Ihn bis jetzt erkannt hast?!«
04] Sagt Thomas: »Du wirst ja doch hoffentlich nicht schon morgen wieder nach Hause dich begeben, weil du heute schon alles erfahren willst!? Es ist gut, daß der Herr endlich einmal wieder zu gehen begonnen hat, sonst wäret ihr wohl bis morgen über dein dummes Geld noch lange nicht ins reine gekommen! Der Herr hat recht; das verfluchte Geld wird dir den Tod geben, weil du gar soviel Herrliches darin erschaust! Der Herr hat dir doch klar genug gesagt, was am Gelde für ein Wert liegt, und wie es dem Menschen zum größten Nachteil für das geistige Leben gereicht; aber du bist ja schon lange weiser als Gott Selbst und kannst darum ja auch vor Gott deiner Weisheit die Krone aufsetzen! Siehe aber zu, daß du einmal nicht erstickst vor lauter Weisheit!
05] Was hast du mir aber hier meinen Fischhandel vorzurupfen?! Habe ich doch allzeit zuerst alle meine Fische verkauft, während du bei deinen guten Lehren die Hälfte von den deinen wieder nach Hause tragen mußtest! Ich verkaufte die großen wie die kleinen zehn Stück um zwei Pfennige und hätte allzeit noch fünfmal soviel verkaufen können, wenn ich soviel hätte auf den Markt gebracht! Und da meine ich, daß ich offenbar besser gerechnet habe als du, der du dich über Gott hinaus weise dünkst, dabei aber ein Geizhals bist und dein ganzes Heil im Gelde suchst! Wahrlich, für diese Weisheit gebe ich keinen Stater!«
06] Sagt Judas etwas verdutzt: »Ein jeder redet, wie er's versteht!« Sagt Thomas: »Das ist wahr; du verstehst die Sache aus deiner Dummheit dumm und redest daher auch also! Sieh aber lieber dorthin, wie am Wege ein Armer lagert! Gib ihm deine Börse, so wirst du das erste Mal in deinem Leben völlig weise handeln!«
07] Sagt Judas: »Das werde ich ganz fein bleiben lassen; denn mir hat noch nie jemand im eigentlichsten Sinne des Wortes und der Bedeutung nach etwas geschenkt, und so schenke auch ich niemandem etwas!«
08] Sagt Thomas: »Das ist ein sehr löblicher Grundsatz; der verdient schon von vornherein verflucht zu werden! Ich sage dir, mit solchen Grundsätzen wirst du bei diesem unserm Heiland und Meister nicht gar zu weit kommen; dafür stehe ich dir! Er ist die höchste Freigebigkeit selbst - und du ein Geizhals ohnegleichen! Das taugt so hübsch zusammen!«
09] Sagt Judas: »Wenn ich Ihn erst so recht werde bearbeitet haben und Er es erkennen wird, wie man in der Welt leben muß, um ein angesehener Mensch zu sein, so wird Er dann von Seiner Freigebigkeit schon etwas nachlassen! Im übrigen ist es auch durchaus keine Kunst, auf Kosten derjenigen, die was haben, freigebig zu sein und seinen Jüngern gute Mahlzeiten zu bereiten! Höre, so ich irgend solche Narren finde, wie dieser junge Wirt da einer ist, da will ich auf seine Kosten auch so freigebig sein, als nur irgend jemand freigebig sein kann! - Es soll aber eben dieser Jesus, Der von Geburt aus ein blutarmer Mensch ist, nur aus Seinen Mitteln die Menge Seiner Jünger erhalten und ernähren; da wird es sich sogleich zeigen, wie freigebig Er sein wird, und ob Er nicht sobald als möglich alle diese Nachfolger verabschieden wird!«
10] Sagt Thomas: »Ich sage dir nichts anderes, als daß du ganz vollkommen des Teufels bist; denn so wie du nun geredet hast, kann nur der Teufel reden! Es klingt wohl, als wäre darin irgendein Verstand; dem aber ist nicht also, sondern ganz anders, und deine Rede ist eine allerunverschämteste Lüge von aller Welt. Mich reut es, daß ich dir den Weg hierher gezeigt habe. Soviele Hunderte von Menschen waren in Sichar, und alle wurden gespeist aus den Himmeln! Und der Irhael verfallenes Haus hat Er in wenigen Augenblicken also aufgebaut, daß es nun wohl bei weitem das allerkostbarste Haus in dieser Stadt ist! Und du über alle irdischen Grenzen hinaus anmaßend dümmster Mensch willst hier mir, der ich mit diesen meinen leiblichen Augen die Himmel offen und zahllose Scharen der Engel Gottes auf- und niederfahren sah, gewisserart wie ein Weiser der Weisen beweisen, daß Jesus ein armer Schlucker sei, der sich auf Kosten der anderen wohlgeschehen ließe!? O du armer Tropf du! Er, Dem Himmel und Erde allein nur zu eigen gehören, da Er sie gegründet hat durch Seine Allmacht, wird etwa meiner oder deiner Schätze bedürfen, um auf dieser Welt, auf der Er die Früchte wachsen und reif werden läßt, leben zu können?! O du blindester Tor du! Ziehe hin nach Sichar, überzeuge dich von allem und komme dann, und wir werden es sehen, ob du noch so dumm in den Tag hinein reden wirst als jetzt!«
11] Hier schmutzt (verschmitzt reden) Judas und sagt ganz lakonisch: »Hast du das alles mit deinen Augen gesehen? Oder hast du vielleicht auch noch ein paar Ochsen- und ein paar Eselsaugen zur Leihe genommen, daß du so vieles und so Außerordentliches auf einmal hast übersehen können? - Im übrigen freut es mich, daß dieser Nazaräer-Weise auch die schöne Irhael hat kennengelernt, die bereits, wie ich's erst unlängst vernommen habe, schon mit dem sechsten Manne leben soll, weil ihr alle die fünf früheren sozusagen am Leibe gestorben seien! Da, bei solch einer schönen Holden, mag dann für euch alle der Himmel so hübsch weit offengestanden sein! Ja, ja, die Irhael hat schon so manchen in alle Himmel versetzt; warum sollte sie bei euch eine Ausnahme gemacht haben?! Aber ich werde ihretwegen dennoch nicht nach Sichar wandeln; denn ich halte das Gesetz Mosis und will mich darob mit derlei sündhaften Dingen nicht befassen!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers