Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 88


Hauptmann Kornelius über die Wirkungen der Tempelreinigung bei der Priesterschaft. Guter Einfluß des Nikodemus.

01] Sagt der Oberste, namens Kornelius, der auch ein Bruder des Kaisers Augustus ist: »Nun, wohl bekomme es ihnen! Denn ich kann Dir nicht genug sagen, wie sehr mir alle diese Tempelbrut im Magen liegt! Ich sage es Dir, liebster erhabenster Freund: Das Schlechteste des Schlechtesten auf dem ganzen Erdkreise ist ein jüdischer Tempelpfaffe! Unsere quasi (gewissermaßen) ägyptischen Priester sind schlecht, aber es schaut doch hie und da ein bißchen etwas von einem Menschen heraus; man hört wenig von irgend einer Grausamkeit, und ihre Sache ist, mit wenigen mystischen Ausnahmen, die Menschheit zur Humanität und zum kriegerischen Mute anzueifern.
02] Aber diese Kerls sind Heuchler durch und durch! Äußerlich tun sie so streng und fromm, als wenn sie alle Säcke voll lebendiger Götter bei sich trügen; innerlich aber wären sie nach unserer Mythe für den alleruntersten Tartarus zu schlecht. Wahrlich, so unsere fabelhaften drei Hauptfurien, vor deren Gräßlichkeit alles vor Angst und Schreck zu Stein werden soll, eines solchen Jerusalemischen Tempelkerls ansichtig würden, so müßten auch sie selbst am Ende vor zu großer Angst und Furcht zum Diamantstein werden! Ich sage es Dir: Zur endlichen Lösung dieses allerbösartigst verworrensten Tempel- und dessen Priesterknäuels muß ehestens ein schärfstes Schwert des Königs von Mazedonien hinzukommen, sonst wird ehestens noch die ganze Erde in diesen unheilvollsten Knäuel hineinverwickelt werden! - O Freund! Ich könnte Dir von diesen Kerlen Dinge erzählen, daß darob schon die ganze Erde ein Fieber bekommen könnte! Aber genug, begnüge Dich einstweilen mit dem; wann Du zu mir kommst, wollen wir viel miteinander davon reden!«
03] Sage Ich: »O lasse das, Ich kenne die Brut aus der untersten Wurzelfaser! Aber Ich habe auch schon aus deinem Stamme in Rom einen 'König von Mazedonien' dazu ausersehen; dem soll der Preis bestimmt werden, diesen Lichtverwirrtesten aller Knäule mit glühendem Schwerte zu zerhauen! Jedoch will Ich vorher noch so manches tun zur möglichen Besserung so mancher aus ihnen!«
04] Sagt der Oberste: »Tue es nicht! Denn wenn Du auch nach Menschenweise und -art sterben kannst, und so Du auch ein wahrer Gottessohn bist, so werden sie Dich zu töten wissen! Denn wie ich Dir's sage, so ist vor diesen Furien auch nicht einmal ein Gott Seines Lebens sicher! - Glaube es mir, liebster junger Freund!«
05] Sage Ich: »Lassen wir das! Was der Vater will, das wird geschehen! Es genügte ein Hauch aus Meinem Munde, und sie wären nicht mehr! Aber es ist also nicht der Wille des Vaters, und so lassen wir sie noch eine Zeitlang!«
06] Sagt der Oberste: »Wenn die Kerls es noch zehn Jahre also treiben wie jetzt, so werden in Judäa nicht viele Menschen am Leben bleiben. Wenn nicht ein Gemäßigter in ihrem hohen Rate säße, so hätte es bald nachdem, als Du kühnstermaßen den Tempel gereinigt hast von dem Geschmeiße, schon ganz ungeheuern Spektakel gegeben! Aber ein wahrer Biedermann, namens Nikodemus, hat es verstanden, diesen Kerlen, deren es nun schon nahe so viele gibt als des Grases auf der Erde, die Stange zu halten. Es war gerade zum Totlachen, wie er mit großer Schlauheit ihnen das begreiflich zu machen gewußt hat, daß diese Tempelreinigung eigens dazu von Gott aus zugelassen ward, daß dadurch Seine Diener zu sehr viel Geld haben kommen müssen, indem eben die Verkäufer, Wechsler und Taubenkrämer es wären, die außer ihrem kleinen Platzzins nie ein Opfer in den Gotteskasten legten, während sie doch das meiste Geld in ganz Jerusalem besäßen! Damit waren die meisten einverstanden, und einige sagten: 'Nun, der soll auf das nächste Fest nur wiederkommen mit seiner Zauberkraft; er ist zu brauchen!' Aber einige, die selbst im Tempel so nebenbei auch durch vertraute Agenten das Wechselgeschäft betrieben hatten, waren natürlich mit diesem Wunsche eben nicht gar zu sehr einverstanden. Aber dessenungeachtet stehe ich Dir dennoch dafür, daß Dir wegen einer allfälligen Tempelreinigung bei einem nächsten Fest von dem Geschmeiße kein Haar gekrümmt wird; denn Du hast ihnen bei der letzten zu einer ansehnlichen Summe verholfen. Wenn Du daher wieder einmal in gleicher Angelegenheit nach Jerusalem gehen solltest, da schleiche Dich nur ganz geheim hinein, sonst wirst Du den Tempel schon von selbst gereinigt finden; denn diese Krämer, Wechsler und Viehhändler haben nach allen Richtungen Spione ausgesandt, die Dich beobachten sollen auf Deinen Wegen, gleichwie auch die gewissen gar ausgezeichnet schlechten Tempeldiener. Bei denen, die ich auf dem Wege verhaften ließ, waren lauter solche Kerls; ich glaube nicht, daß darunter zwei ehrliche staken!«
07] Sage Ich: »Nun, den Gefallen kann Ich ihnen schon noch einmal erweisen; aber darauf, sei vollends versichert, wird kein Wechsler und kein Verkäufer mehr im Tempel seine Geschäfte unternehmen! So Ich Meinen letzten Einzug in Jerusalem halten werde, da werde Ich auch noch einmal den Tempel also zu reinigen bekommen, als wie Ich ihn jüngst gereinigt habe!«
08] Nach dieser Vorversicherung kommt ein Rottenführer und meldet dem Obersten, daß die Truppen zum Abmarsch fertig seien. Der Oberste empfiehlt sich nun bei Mir und erinnert Mich nochmals, ihn ja gewiß in Kapernaum zu besuchen! Nachdem bringt der Hauswirt ein gutes Morgenmahl, und alle Gäste nehmen daran teil.


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