Jakob Lorber: 'Briefwechsel zwischen Jesus und König Abgarus Ukkama von Edessa'

Text nach Erstauflage 1851 (pdf), inhaltlich unverändert hier in neuer Rechtschreibung


4. Brief des Abgarus an Jesus sieben Wochen nach dem dritten geschrieben

   br4,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, der im Land um Jerusalem erschienen ist und nun verfolgt wird von einem Ende zum andern durch die dummen, blinden Juden, die nicht erkennen das heilige Urlicht, die Sonne der Sonnen in ihrer Mitte, alles Heil!
   br4,02] O Du mein guter Heiland Jesus! Nun ist geschehen in der Wirklichkeit an meinem lieben Sohne, was Du, o Herr, mir im zweiten Briefe vorhergesagt hast. Er ist vor ein paar Tagen gestorben und hat mich auf dem Totenbett noch angelegentlichst mit vielen Tränen in den Augen gebeten, ich möchte Dir mit diesem Schreiben seinen innigsten Dank ausdrücken dafür, dass Du ihn wirklich so ganz ohne Schmerzen und ganz ohne Furcht vor dem Tod des Leibes hast gnädig dahinscheiden lassen.
   br4,03] Dein Bild hat er wohl bei tausend Male an sein Herz gedrückt. Und sein letztes Wort war: "O Du mein guter Vater Jesus! O Jesus, Du ewige Liebe, der Du allein das wahre Leben bist von Ewigkeit! Du, der Du jetzt wie eines Menschen Sohn wandelst unter denen, die Deine Allmacht ins Dasein rief und denen sie Gestalt und Leben gab - Du allein, ja Du bist meine Liebe in Ewigkeit!!! - Ich lebe, ich lebe, ich lebe durch Dich - in Dir - ewig!!!"
   br4,04] Nach diesen Worten verschied mein lieber Sohn. Wohl wirst Du, o Herr, es wissen, dass so das irdische Ende meines Sohnes war und dass ich und mein ganzes Haus viel geweint haben um ihn. Aber dennoch schreibe ich Dir dieses wie ein Mensch dem andern, dieweil es so mein sterbender Sohn vor seinem irdischen Ende sehnlichst gewünscht hatte.
   br4,05] O Herr vergib mir armen Sünder vor Dir, so ich Dir nun schon durch ein viertes Schreiben zur Last werde und Dir, o Herr, vielleicht irgendeine Störung in Deinem allerheiligst wichtigsten Geschäfte bewirke.    br4,06] Schließlich wage ich noch die Bitte, diesem Schreiben anzufügen, dass Du Deinen Trost mir nicht entziehen möchtest! Denn siehe, mich hat nun nach meinem Sohne dennoch eine große Traurigkeit befallen, der ich bei meinem festesten und wie möglich besten Willen nicht ledig werden kann. Daher bitte ich Dich, Du guter Heiland, Du bester Vater von Ewigkeit, Du wollest von diesem großen Schmerze mich frei machen. Aber nicht mein, sondern Dein heiliger Wille geschehe!


4. Eigenhändige Antwort Jesu in griechischer Sprache, während die früheren in jüdischer Sprache abgefasst waren

   an4,01] Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Was deinen Sohn betrifft, so weiß Ich alles. Und es ist Mir überaus lieb, dass es mit ihm ein so schönes Ende für diese Welt, aber einen noch bei weitem schöneren Anfang in Meinem Reiche genommen hat.
   an4,02] Du aber tust wohl daran, so du um ihn ein wenig trauerst. Denn siehe, der Guten gibt es wenige auf der Welt. Die aber da sind wie dein Sohn, die sind wohl einer Nachtrauer wert!
   an4,03] Siehe, auch Ich weine deinem Sohne eine köstliche Träne nach! - So ward einst alle Welt aus einer Träne aus Meinem Auge. Und so wird auch der neue Himmel wieder gestaltet.
   an4,04] Ich sage dir, dass da gute Tränen von einem übergroßen Wert im Himmel sind. Denn mit diesen allerköstlichsten Juwelen wird der Himmel geziert in Ewigkeit. Aber mit bösen Hass-, Neid- und Zorntränen wird die Hölle in ihren Festen gestärkt.
   an4,05] Daher sei dir das der größte Trost, dass du trauerst um den Guten! Behalte diese Trauer noch eine Kürze, bis du Mir nachtrauern wirst eine Kürze. Dann aber wird dich Mein Jünger frei machen von allem.
   an4,06] Sei aber fortan sehr barmherzig, so wirst du auch eine große Erbarmung finden! Vergiss der Armen nicht! Diese sind allzumal Meine Brüder! Was du ihnen tust, das tust du Mir, und Ich werde es dir vergelten hundertfältig.
   an4,07] Suche das Große - das ist mein Reich - so wird dir auch das Kleine dieser Welt zukommen! So du aber suchst das Kleine, dann könntest du des Großen nicht wert erachtet werden.
   an4,08] Du aber hast (in deinem Gefängnisse) einen Verbrecher, der nach deinem weisen Gesetz den Tod verdient hat. Ich aber sage dir, Liebe und Erbarmung stehen höher als Weisheit und Gerechtigkeit! Handle daher mit ihm nach der Liebe und nach der Erbarmung, so wirst du eins sein mit Mir und mit Dem Vater, der in Mir ist und von dem Ich als Mensch deinesgleichen ausgehe. - Amen.
   an4,09] Von Mir Selbst geschrieben zu Kapernaum und übersandt durch deinen Boten.


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers