Jakob Lorber: 'Briefwechsel zwischen Jesus und König Abgarus Ukkama von Edessa'

Text nach Erstauflage 1851 (pdf), inhaltlich unverändert hier in neuer Rechtschreibung


2. Brief des Abgarus an Jesus

   br2,01] Abgarus, ein armseliger Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, der erschienen ist in dem Lande um Jerusalem, alles Heil und alle Ehre Gottes!
   br2,02] O Jesus, Du guter Heiland! Siehe, mein ältester Sohn, der Thronerbe, der sich mit mir über die Maßen auf Deine Ankunft in meiner Stadt freute, ist todkrank geworden. Ein böses Fieber hat sich seiner bemächtigt und droht, ihn in jedem Augenblick zu töten! - Ich aber weiß, wie es mir der Bote beteuert hat, dass Du derlei Kranke ohne Arznei bloß durch Wort und Willen in die Ferne heilst! O Jesus, Du guter Heiland, Du wahrhaftiger Sohn des allerhöchsten Gottes, was Du sicher bist - lasse also meinen Sohn, der Dich so sehr liebt, dass er für Dich sogar in den Tod gehen möchte, wieder gesund werden durch Dein mächtiges Wort und Willen!
   br2,03] O Jesus, Du guter Heiland! Bescheide mich, der ich auch krank bin, nur diesmal nicht auf die Zeit nach Deiner mir verkündeten Himmelfahrt! Sondern hilf, hilf, hilf sogleich meinem Sohne!
   br2,04] Geschrieben in meiner Stadt Edessa, übersandt durch den früheren getreuen Boten.


2. Antwort Jesu an Abgarus

Darauf folgte folgende Antwort von seiten des Herrn Jesus; und diese Antwort lautete so:

   an2,01] Abgarus, groß ist dein Glaube! Und darum könnte es mit dem Sohn wohl besser werden. Aber da Ich bei dir Liebe gefunden habe mehr als in Israel, so will Ich dir auch mehr tun, als so Du nur allein geglaubt hättest!
   an2,02] Siehe, Ich, der Herr von Ewigkeit, nun ein Lehrer der Menschen und ein ewiger Befreier vom ewigen Tod, werde deinem Sohn das ewige Leben schenken vor Meiner Auffahrt, da er Mich, ungesehen und ungekannt, vor Meinem bevorstehenden Leiden für alle Menschen aus seinem ganzen Herzen geliebt hat. Und so wirst du, Mein lieber Abgarus, wohl deinen Sohn dem Leib nach verlieren in der Welt, aber dem Geist nach tausendfach gewinnen in Meinem ewigen Reich!
   an2,03] Glaube aber ja nicht, dass dein Sohn, so er sterben wird, im Ernst sterben wird! - Nein, nein! Sondern wann er stirbt, da erst wird er erwachen vom Todesschlaf dieser Welt zum wahren, ewigen Leben in Meinem Reich, welches ist geistig und nicht leiblich.
   an2,04] Darum lasse dich nicht betrüben in deiner Seele! Denn siehe, höre und - schweige: Ich allein bin der Herr, und außer Mir ist keiner mehr! Darum tue Ich frei, was Ich tue. Und niemand kann zu Mir sagen: tue das oder tue das nicht!
   an2,05] Was Ich aber nun tue und zulasse - dass Ich wie ein schwacher Mensch verfolgt werde - das habe Ich schon ehedem vorgesehen, bevor noch die Erde gegründet war und eher, als Sonne, Mond und Sterne vom Himmel herab der Erde leuchteten. Denn Ich ging eben darum aus von Meinem Vater, der in Mir ist wie Ich in Ihm! Der Vater aber ist das Höchste. Denn Er ist Meine Liebe, Mein Wille. Der Geist aber, der aus Mir und dem Vater geht, wirkend von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist das Heiligste. Und das alles bin Ich, der dir nun solches offenbart!
   an2,06] Darum betrübe dich nicht, da du nun weißt, wer Der ist, der dir nun solches goffenbart hat! Schweige jedoch davon bis dahin, da Ich werde am Pfahl (Kreuz d. Ed.) erhöht werden von den Juden, wovon dir bald Kunde wird. Denn sonst (wenn du unzeitig redest, d. Ed.) würde die Welt vor der Zeit fallen.
   an2,07] In diesen Tagen aber wird ein armer Jüngling in deine Stadt kommen. Diesen nehme auf und tue ihm Gutes, so wirst du darob Mein Herz erfreuen, darum Ich deinem Sohn eine so große Gnade erweise und ihn ob seiner Liebe vor Mir dahin gehen lasse, wo Ich hingehen werde nach der Erhöhung am Pfahl. - Amen.
   an2,08] Geschrieben zu Kana in Galiläa durch den Jünger Johannes und übersandt durch des Königs Boten.


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