Jakob Lorber: 'Die drei Tage des 12-jährigen Jesus im Tempel'

Text revidiert nach 1. Auflage 1861


8. Kapitel: Drohung des Hohepriesters und strenge Verwahrung des römischen Richters dagegen.

   01] Sagte der Hochpriester: ”Wenn jener Knabe ohne unser Wissen und ohne Einwilligung des Tempels also ganz eigenmächtig im Ernste solche Dinge verrichtet, da liegt es ja klar am Tage, dass er vom Beelzebub, dem Obersten aller Teufel, besessen ist! - Mit Gotteskraft geht das niemals außerhalb des Tempels! Welche sittliche Reinheit gehört dazu, um der göttlichen Kraft teilhaftig zu werden, - und das kann man nirgends anderswo als allein nur im Allerheiligsten des Tempels nach der Lehre Mosis und aller Propheten!
   02] Wer das weiß aus der Schrift, der weiß es auch, was es mit allen dergleichen Wundern außer (außerhalb, d. Ed.) dem Tempel für eine Bewandtnis hat!?- Da ist es sogar eine unerläßliche Pflicht des Tempels, solche Kinder und Menschen von der Erde um jeden Preis zu vertilgen! - Und sollte sich infolge unserer späteren Nachforschungen bewähren, was du von dem Knaben aussagtest, so wird auch er als ein Verbündeter des Beelzebub von der Erde vertilgt werden!“
   03] Sagte der Richter: ”Das war bei euch wohl ehedem also die von euch selbst kreierte Sitte - aber seit wir Römer als eure Herren und Gebieter dastehen, wird so was kaum mehr geschehen; denn das Schwert der Gerechtigkeit ist nun durchaus und für alle Fälle ganz in unserer Hand, und wer es immer eigenmächtig ohne unser Wissen und Wollen erhebt, wird ohne allen Unterschied des Standes als ein Meuterer und Raubmörder behandelt werden!
   04] Ich aber habe ehedem von eben diesem Knaben, wie auch von dir selbst vernommen, dass ihr in euerm Tempelwahn sogar einen Hohenpriester ermordet habt, im Tempel selbst, weil er ein höheres Gesicht gehabt zu haben vorgab. - Er hatte dadurch sicher euren zu mächtigen Neid erweckt, und das genügte, um euch zu bestimmen, ihn aus dieser Welt zu schaffen. Das geschah vor zwölf Jahren, also unter unserer Herrschaft!
   05] Dieser Fall wird näher untersucht, und wer weiß, ob ihr nicht eher das Schwert der römischen Gerechtigkeit zu verkosten überkommen werdet denn jener Wunderknabe eure Tempelrache! - Ich sage euch Templern hier kraft meiner Amtsgewalt, dass ich jeden, der es nur von fernehin wagen würde, jenem Knaben irgend ein Leid zu tun, mit dem Schwerte bestrafen werde! - Eines mehreren bedarf es nicht!“
   06] Spricht der Hochpriester: ”Wir aber haben ein Wort vom Kaiser, das uns die Tempeljustiz sichert, und sie von keinem weltlichen Richter anzutasten ist!“
   07] Sagt der Richter: ”Wie weit sich diese erstreckt, weiß ich genau! - Ihr könnt wohl eine weise Disziplin üben, aber über diese hinaus bis zum ius gladii (Schwertrecht, Hinrichtungsrecht, d.Ed.) ist noch eine sehr große und sehr weite Kluft! - Und wehe dem aus euch, der sie überschreitet!“
   08] Sagt der Hochpriester: ”Was ist mit der Macht eines Herodes, der zugleich Vierfürst in Galiläa ist - besitzt er nicht auch das ius gladii?“
   09] Sagt der Richter: ”Herodes samt den übrigen Fürsten in den Landen der Juden sind pure Lebensfürsten, und ihr Jus gladii ist allein auf ihre Diener, Knechte und Sklaven beschränkt. - Gehen sie mit diesen grausam um - wozu sie wohl ein erkauftes Recht von zehn zu zehn Jahren haben -, so werden sie bald ohne Diener sein, da von uns aus niemand gezwungen wird, bei ihnen Dienste zu nehmen, und sie können daher ihres eigenen Heils willen keinen besonderen Gebrauch machen von ihrem teuer erkauften Rechte, und das noch dazu um so weniger, da ein jeder ihrer Diener - bis auf etliche Sklaven - aus ihrem Dienste treten kann, wann er will, und sich im Augenblicke des Austritts nicht mehr unter der Jurisdiktion (Rechtsprechung, d.Ed.) eines solchen Fürsten befindet, sondern unter der unsrigen.
   10] Dann haben sie das Recht, die Steuern, die ihnen zukommen, zu erheben und nötigenfalls mit Gewalt einzutreiben, aber ohne Ius gladii! Die Exekutionen (Vollstreckungen, d.Ed.) haben sie bei uns zu nehmen und dafür zu zahlen.
   11] Das sind deines Herodes' Rechte, wie die jedes anderen Lehensfürsten; weiter hinaus ist alles ein schärfst strafbares Verbrechen und wird schon beim ersten Vergehen mit dem Verlust des Lehensrechtes geahndet.
   12] So du etwa glaubst, mit der Macht des Herodes auf den Wunderknaben zu fahnden, da bist du in einer großen Irre, und Herodes wird sich davor wohlweislich zu hüten verstehen, um über sein Recht hinauszutreten!
   13] Dieser Knabe hier aber befindet sich nun auch in meinem Schutze, und ich erteile ihm erst ganz das volle Recht, euch mit allerlei Fragen zu plagen, und ich werde nicht von seiner Seite weichen, denn in seinem Gehirne und Gemüte steckt mehr der kerngesunden Weisheit, als in euch allen und in eurem ganzen Heiligtum. - Und nun, du mein liebster, holdester Knabe, kannst du wieder reden, denn ich habe den Platz für dich gereinigt!“


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